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Der Heimat so nah

Marokko, so sagten wir noch vor wenigen Tagen mit stolzgeschwelter Brust, ist der beste Kompromiss zwischen Waerme und Naehe. Das andaechtige Kopfnicken der Umstehenden verbunden mit neidvollen Kommentaren festigten unsere Ausbruchsplaene aus dem Grau-in-Grau des Hamburger Winters.

Natuerlich haben wir nicht erwartet, kokosmilchschluerfend in einem Liegestuhl zu sitzen und innerhalb einer Woche mehr Braeune zu generieren als mit einem Assi-Toaster-Abo. Aber so ein bisschen im T-Shirt durch gewuerzig duftende Gassen streifen, vor Cafes sitzend die wirbelnde Masse beobachten oder mit Sonnenbrille auf der Nase alte Steinmauern inspizieren – das waere doch nicht zu viel verlangt.

Stattdessen sind wir Tag fuer Tag nass. Es regnet mit irischer Bestaendigkeit. Der Regenschirm ist unsere taegliche Handfessel. Wenn wir im Fischerort Larache die Kueste entlang spazieren, schlaegt uns der Atlantikwind mit Wucht in den Nacken. Wenn wir die endlosen Stufen der himmelblau bemalten Stadt Chefchauen erklettern, stroemen Rinnsale kalten Wassers ueber die Schuhe. Und wenn wir uns um den Kamin eines bunt bemalten Berberhauses druecken und wie Scheherazade Geschichten vorlesen, ist das Trommeln auf den Dachern die Begleitmusik.

Marokko, so koennen wir jetzt sagen, ist die beste Moeglichkeit um sich nach den Weihnachtsferien im Schnee wieder an Hamburg zu gewoehnen.

“Es gibt nur eine Sünde: Und das ist Stehlen!”
Ich habe diesen Satz nicht ganz verstanden als ich ihn das erste Mal gehört habe. Er stammt aus dem afghanischen Buch “Drachenläufer”, in dem sich alles um große Begriffe wie Ehre, Stolz, Freundschaft, Mord und Schuld geht. Ausgerechnet der Diebstahl dort das schlimmste aller Vergehen?

Die gestohlene Zeit

Wir sind in Tanger, einer marokkanischen Hafenstadt im Norden des Landes. Die spanische Küste lässt sich hier mit bloßem Auge erkennen. Jeden Tag legen von hier Schiffe ab, die in einer halben Stunde in einer neuen Welt anlegen. Dementsprechend präsent sind hier Grenzerfahrungen. Die ganze Stadt mit ihren verschlungenen Gassen in der Medina, ihren ausladenden Strandboulevards und belebten Flaniermeilen ist durchdrungen von Grenzwertigem. Es ist quirlig, aber langsam. Warm, aber stürmisch. Gut, aber durchtrieben.
Am Eingang der Altstadt wartet ein 42-jähriger Mann mit Schnurrbart und schwarzem Trainingsanzug. Ungefragt und unbeachtet läuft er mit uns, erzählt , wer in welchen Häusern lebt oder lebte. “Der Palast gehört dem Besitzer von Renault, dort lebte Paul Bowles, hier ist ein Gefängnis.”
Wir versuchten ihn wegzuschicken, zu ignorieren, zu flüchten. Doch er blieb hartnäckig an unserer Seite. Also ließen wir uns ein. Sollte er uns doch sein Programm zeigen. Es beinhaltete einen Berberladen mit Kamelledertaschen und Teppichen, eine Apotheke mit duftenden Pulvern, Cremes und Ölen, ein kleines Café, in dem schon Keith Richard das Leben zu genießen wusste, diverse Aussichtspunkte, seine eigene Terasse mit Pfefferminztee und sonstiger typisch marokkanischer Versorgung. Wir gaben ihm dafür ein üppiges Trinkgeld, eingewickelt in goldenes Papier, als wir mit ihm da oben h och über den Dächern von Tanger saßen. Es war ihm nicht genug. Später gaben wir ihm mehr – und fühlten uns irgendwie um die Zeit betrogen, die plötzlich so zähl- und zahlbar gemacht wurde.

Die gestohlenen Erinnerungen

Am nächsten Tag wollten wir frei bleiben. Allein den Takt der Stadt erleben. Faule Katzen beobachten, das erste Independant-Kino Afrikas finden, frische Mandarinen kaufen auf einem kleinen Straßenmarkt kaufen. Dort saßen dicke Frauen in gewickelten Tuchkleidern mit Strohhüten auf dem Kopf, auf denen lustige Bommeln angenäht waren. Wir machten Fotos und freuten uns der Dinge. Ein kleiner Schubser, ein Drängeln und dann waren die Dinge ganz anders: der Fotoapparat, er war weg. Hilflos suchten wir die gedängte Masse aus Grünzeug, Kutten und Bommeln ab. Aber unsere Hoffnung war verschwunden – wie auch die digitalen Erinnerungen.
Auf einem Polizeirevier, einem inoffiziellen wohl, legte uns ein Beamter einen dicken Stapel Fotos vor die Nase. Bild für Bild waren da Jungs und Männer, verschlagene Blicke oder sympathisches Lachen, blaue Flecken und schwarze Augen. Ein Kaleidoskop der Schicksale, ein Bilderbuch des Verbrechens, das kriminelle Gesicht der Stadt. Wir erkannten zwar niemanden, fühlten uns aber irgendwie gewarnt. Allerdings nicht genug.

Das gestohlene Vertrauen

Wir trafen uns mit einigen jungen Künstlern, die wir am Vorabend im legendären Tanger Inn kennengelernt haben – einem Club, in dem sich vor fünfzig Jahren die Schriftsteller der Beatbewegung schon wilden Nächten hingegeben haben. Und auch heute noch zieht der Ort Menschen an, die woanders nicht richtig dazugehören. Schwule, Künstler, Fremde. Die Jungs wollten uns weiter mitnehmen in ihr marokkanisches Künsterleben. Sie zeigten uns ihre Treffpunkte, wo es die beste Linsensuppe gibt, wie man auf einer DAchterasse mit Kerzen und Wodka die Nacht zelebriert und in welchen Clubs Männer und Prostituierte  das Gleiche tun. Alles war aufregend und intensiv. Wir verabschiedeten uns früh am Morgen mit großer Geste und bogen in die Straße ein, die zu unserem Beatnik-Hotel zurückführen sollte. Es waren nur wenige hundert Meter verwinkelter Route, aber der Aufstieg war steil und der Alkohol zerrte an den Gliedern. Zwei Gestalten bogen ebenfalls in die Gasse. Sie beschleunigten ihre Schritte immer mehr. Fast waren sie gleichauf, als ich mich umdrehte. Die größere Gestalt löste sich aus der Dunkelheit und packte Christian, drückte ihn an eine Hauswand, riss an ihm herum. Ich hörte mich die Namen unserer Freunde rufen und meine rennenden Schritte den Berg hinunter. Ich sah zu Hilfe eilende Männer angerannt kommen und die Gestalten ablassen. Sie hatten es nicht geschafft uns etwas abzunehmen. Und trotzdem etwas zu stehlen: unser Vertrauen.

Neue Ufer

Der ein oder andere wird es gemerkt haben: Unsere Orientreise hat längst ein Ende gefunden. Mit dem neuen Jahr geht es aber auch gleich weiter.
Ostprobe flaniert diesmal durch: MAROKKO!

Dazu als Einstieg drei Mythen, die nur Touristen erzählt werden:

“In Marokko gibt es keine Touristen – nur Gäste.”

“Pfefferminztee ist der Marokkanische Whisky.”

“Heute besonderer Preis…”

Ein komischer Text

Neulich im Hostelzimmer habe ich erfahren, dass ich mich in der dritten Phase eines Kulturschocks befinde. Zwei Journalistikstudenten der Universität Bremen teilten mit mir von Doppelstockbett zu Doppelstockbett, was sie in einem ihrer Seminare gelernt hatten: nämlich, dass man als Reisender in der Ferne alles erst ganz toll findet (weil alles so exotisch und aufregend ist), dann alles ganz doof (weil alles so anders und nervig ist) und kurz vor der Rückkehr wieder alles ganz toll (weil immer noch besser als der Nervkram zuhause).

Der treue Leser hat meinen Stadienwandel eventuell daran bemerkt, dass die Texte sich von syrischen Wüstenlobpreisungen zu feministischen Polemiken gegen den arabischen Mann hin entwickelt haben. Mir selbst wird es aber vor allem dadurch offenbar, dass ich überhaupt keine Lust verspüre, meine wertvolle Resturlaubszeit mit Notizen machen und Texte schreiben zu verdaddeln.
Stattdessen möchte ich in den Gassen und Welten Jerusalems verloren gehen und anhand der Kleidung der Passanten die vorherrschende Religion erraten. Oder abends koscher Sushi essen gehen und in alternativen Clubs unkoscher zu Livemusik tanzen. Oder weiterhin meinen mit Wundmalen und Insektenstichen gequälten Körper am Toten Meer mit Mineralschlamm einpacken, der dann bei 48 Grad in Sekundenschnelle in einem Naturpanzer steckt. Ich könnte auch noch einmal meine Seele reinwaschen im See Genezareth, dort wo Jesus Brot und Fische vermehrt hat. Sünden zum Reinwaschen haette ich genug, zum Beispiel den Schlafsack an einem weichen Seestrand ausgerollt zu haben oder unzählbar viele Flüche in den Himmel geschickt zu haben ob der Hitze und den schlimme Schuhen, die eine zweitägige Radtour um den See zur echten Belastungsprobe machen. Ich könnte mir aber auch die Bahai-Gärten von Haifa anschauen, die wie der prächtigste botanische Größenwahn eines absolutistischen Herrschers aussehen, nur in Senkrecht-an-den-Berg-gebaut.
Ich könnte, nein ich werde jetzt einfach aufhören in Konjunktiven über die nähere Vergangenheit zu sentimentalisieren. Noch ist Phase 3!

Gedankenbilderbuch Israel

Das subjektiv am meisten wahrgenommene Wort im Arabischen ist “habibi” und bedeutet soviel wie “mein Liebling”. Im Hebräischen ist es “balagan” – “großer Schlamassel”.

Orthodoxe Juden beten auch in Fernreisebussen. Sie stehen dann dichtgedrängt im Busgang yusammen und murmeln und lauschen und wippen. Und halten sich gut fest.

Die einzigen Pilgerstätten der Bahai-Religion befinden sich in Haifa und Akko. Trotzdem lebt kein Religionsanhänger in Israel. Das Land ist zu heilig.

sozialismus in der pool-position. im kibbutz samar

Als Moses vom Berg Nebo ins Tal blickte und die letzte Unterhaltung seines Lebens mit Gott hatte, sah er vor allem Steine, Wueste, Felsen, karges Land. Das sieht von weitem zwar beeindruckend aus, es gibt aber sicher lebensfreundlichere Plaetze. Im Englischen heisst es deshalb ja auch nur das “versprochene Land” (Promised Land). Die Deutschen attributieren es dagegen gleich als “Gelobtes Land”. Warum soll ma die Oednis da unten denn loben?

Wir brechen auf nach Israel ohne besondere Schnellkraft, die – selbst wenn wir sie aufbraechten – uns bei den beruechtigten Sicherheitskontrollen sowieso wieder genommen worden waere. Vom Abfragen-bis-zur-Grosseltern-Generation, Abtasten und Rucksack-Auseinander-Nehmen wollen wir am liebsten weitere Menschenansammlungen meiden und lassen uns vom Busfahrer an dem ersten Kibbutz absetzen. Ringsherum nur Sand und Dattelpalmenplantagen. Ruhe. Hitze.
Ein Pickup haelt neben uns und die tiefe Stimme einer schoenen Landarbeiterin laed uns ein. Erst in das Auto, dann in den Kibbutz, dann in ihr Leben.

Der Kibbutz Samar unweit der jordanischen Grenze, ist einer der wenigen uebriggebliebenen sozialistischen Kibbutze in Israel. Es gibt dort kein Geld, sondern eine Kuehlkammer, die immer prall gefuellt mit frischen Fruechten ist. Und einen runden Speisesaal, in dem mittags und abends gemeinsam gegessen wird. Und eine Kleiderkammer statt Markenlaeden, und gemeinsame Autos und Spielplaetze und eine Bibliothek und einen Pool! Die Rasenflaechen sind perfekt kurz geschnitten, Blumen und Palmen wachsen in den Wuestenhimmel und die Haeuser sind kugelrunde oder quadratische Bungalows. Es erinnert an einen Golfclub und an Schlumpfhausen.

Wir bekommen einen eigenen Bungalow, weil Agar – die schoene Landarbeiterin – uns offiziell als ihre Gaeste adoptiert hat. Da in den Bungalows nebenan viele auslaendische Freiwillige wohnen, nennen die Kibbutzbewohner die Ecke dort “Ghetto”, was aus juedischem Mund etwas irritierend ist. Es fuehlt sich ausserdem gar nicht wie ein Ghetto an: in der Nachbarschaft kann man naemlich entweder von einer auf freier Flaeche stehenden Couchgarnitur den Mond hinter den Bergen aufsteigen sehen oder zu einer Pizzaparty von einem ehemaligen italienischen Maffioso gehen oder in einer Haengematte eine Noblesse rauchen.

Jetzt koennte sich der eine oder andere Leser zu Recht fragen, ob wir das denn eigentlich verdient haben – so viel Glueck, so viel Sonne, so viel Pool. Und dem Leser koennen wir sagen: Ja, haben wir. Und zwar mit harter einfacher Arbeit. Gemuesschnippeln ab morgens um sechs, regelmaessiges Kuechenjacuzzi beim Toepfe-Duschen oder Sortieren am laufenden Band an der Geschirrspuelmaschine. An guten Tagen sind wir danach auf die Dattelplantage mitgekommen und haben die Palmenfruechte von einer dreissig Meter hohen Palme geholt – von einem Hebekran aus. Auf der Kuhfarm, die aber eher nach Industrie aussieht, waren wir auch. Da haben dann komischerweise immer die Kuehe, denen wir beim Kalben zugeguckt haben, Zwillinge bekommen – was sehr selten ist. Das hat zu einigen Verwirrungen in der Buchfuehrung gefuehrt, weswegen wir dort jedenfalls keine Arbeit gefunden, dafuer aber tierische Namenspaten haben.

Ab spaestens um eins nachmittags endet alle Arbeit in Samar und Eltern spielen mit ihren Kindern, Maenner bauen an ihren Schlumpfenhaeusern weiter, manche schreiben Buecher oder meditieren oder halten einfach Siesta. Zeit und Geld spielen keine Rolle in Samar, weswegen selbst die Einwohner zugeben, in einer “Blase” zu leben. Dass sie nicht wie so viele andere Kommunen in der Welt geplatzt ist, liegt sicher auch daran, dass der Staat Israel den Kibbutz zu gut einem Drittel finanziert und so die grenznahe Wueste besiedelt und die Beduinen fern haelt.

Um die Finanzierung von Samar zu rechtfertigen, eignet sich der Begriff des “Promised Land” gut. Um zu beschreiben, wie sich ein Tag dort anfuehlt, reicht er aber nicht. Oase oder Paradies waeren geeignet. “Gelobtes Land” passt noch besser.
Spaestens nach diesem lobenden Text.

Die Aufloesung

Liebe Raetselfreunde,
das Ostprobe-Sehenswuerdigkeiten-Quiz ist beendet. Um euch weitere schlaflose durchgruebelte Naechte zu ersparen, kommt hier die Aufloesung:

1. Petra
2. Klatschspalte
3. der Schweizer Johann Ludwig Burckhardt

Wir gratulieren Jochen M. aus K. zu einem gewonnen Dia-Abend, dessen Zimmer-frei-Bilderraetsel-Erfahrung ihn zum einzigen Teilnehmer mit drei Richtigen katapultiert hat.

Das Ostprobe-Quiz

Unsere letzten Tage in Jordanien haben wir als gute westeuropaeische Besucher in den touristischen Hotspots des Landes verbracht. Wo, das darf der geneigte Leser selbst herausfinden: im Ostprobe Sehenswuerdigkeiten Quiz.

(1) keine retousche: es waren wirklich keine touristen da. um sechs uhr morgens.

 

 

 

 

 

 

 

 

Man kann tagelang darin herumlaufen (oder Eselchen, Kamele oder Pferde besteigen) und das schoenste Zusammenspiel von Natur und frueher Hochkultur entdecken.
Wie heisst das selbsternannte “achte Weltwunder” im Sueden Jordaniens?
a) Sindy
b) Petra
c) Wolfgang

 

(2) Loese das Bilderraetsel! (Bitte Kopf auf die linke Schulter pressen!)

 

(3) Nachdem die jordanische Wuestenstadt zuerst bewohnt und dann zumindest beliebte koenigliche Grabstaette wurde, versank die Stadt in der Bedeutungslosigkeit und wurde allmaehlich vergessen. Erst ein Europaeer entdeckte sie wieder. Die Frage: Wer(ch) hats g’fundn?

a) ein Schweizer (die Naehe des Moevenpick Hotel direkt vor dem Eingang zeugt bis heute von der schweizerisch-jordanischen Freundschaft)

b) ein Hollaender (ist mit dem Campingwagen versehentlich falsch abgebogen)

c) ein Englaender (wer imperialistische Begierden hegt, guckt in jede staubige Ecke)

Als Preis gibt es Geschenke aus dem Rucksack, emotional wertvolle Schlappen oder eine private Diaschau mit Schnorren off the record. Angehoerigen und Freunden von Ostprobe ist die Teilnahme am Gewinnspiel ausdruecklich erlaubt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Wasser stroemt an unseren Koepfen vorbei und auch die Gedanken stroemen in beiden Koepfen. Darum gibt es heute zwei Sichten auf ein Ereignis.

is nen pressebild

Wir Schlappen

Nie habe ich mir mehr ein Bier herbeigewuenscht als jetzt. Wir liegen wie Steine in einem reissenden Fluss, erschoepft, verletzt und mit feuerroten Koepfen. Diese haben wir bis zu den Ohren unter Wasser versenkt und hoeren nun nur noch das Geraeusch des Flusses. Ueber uns fliegen Greifvoegel in der Canyon-Schlucht, durch die sich der Siq-Fluss schlaengelt, in dem wir liegen. Die Sonne drueckt ihre kosmische Kraft in die Schlucht. Wir koennen nicht mehr. Wir sind tot. Toter als das Tote Meer, das einen Kilometer ausserhalb des Wadi Mujib Natur Reservates daliegt wie ein Salzteig. Wir waeren gerne da draussen, aber ein zweistuendiger Rueckweg liegt vor uns: Ueber glitschige Felsbrocken, durch Stromschnellen und Felsspalten – ueber Hindernisse, die wir nicht im Geringsten erwartet haben, als wir am Morgen aufgebrochen waren.

“Der Siq-Trail ist der einfachste, den wir haben”, sagte die Frau im Wild Jordan Center in Amman, einem professionellen Marketingbuero der koeniglich-jordanischen Naturparkverwaltung. Die Fotos mit reissenden Fluessen und rotbraunen Felsen hatten es uns angetan. Nach hunderten roemischen, byzantinischen oder osmanischen Ruinen wollten wir endlich mal wieder ins Gruene. Das Reservat am Fusse des Mount Nebo schien uns dafuer am geeignetsten. Schliesslich hatte Moses von der Bergspitze aus das Gelobte Land gesehen.

Sieht aus wie ein Ami? Kommt vom Kopftuch

Reiseflaneure wie wir sind, besteht unsere Action-Sport-Ausruestung jedoch nur aus ein Paar geliehenen Trekking-Sandalen, ein Paar Bastlatschen, Badeanzug und -hose sowie einer Strandtasche, in der Kekse und Kaugummi herumbollern. Mehr nicht. Kein Vergleich zu den hochgeruesteten Profi-Touristen, die mit einem ganzen Arsenal an JackWolfskinQuechuanNorthface-Utensilien aus den Autos am Eingang des Naturparks stiegen. Wir schmunzelten und dachten noch immer, dass im Nahen Osten “easy” auch “Omi-Weg mit Gelaender an der Seite” bedeutet. Die Schwimmwesten, die am Eingang verteilt wurden, gab es bestimmt auch nur aus versicherungstaktischen Gruenden.

Erst fing der Track durch die Canyons auch ganz harmlos an. Wir wateten durch knietiefes Wasser, zerknirschten Kiesel unter unseren Fuessen und waren beschwingt von der gelobten Natur. Aber nach zwei Flussbiegungen richteten sich unsere Augen nicht mehr auf die Natur ueber uns, sondern nur noch auf die naechsten Meter vor uns: Starke Gegenstroemung riss uns die Wasserflasche aus der Hand und die Pfirsiche aus der Badehosentasche. Mit beiden Haenden an den Bergsteigerseilen mussten wir gegen den Strom schwimmen, auf Felsvorspruenge klettern, ueber Klippen springen und uns an Seilen meterhoch ziehen, unwissend, was unter uns im Wasser ist und welche Pruefung als naechstes kommt.

Gretas Bein schrammte an einem besonders fiesen Felsen auf, bei dem Versuch, ihn durch Drueberrobben zu bezwingen. Kratzer, Schuerfer und Stoesse waren unsere Begleiter. Mit jeder Minute schwanden unsere Kraefte in Armen, Schenkeln und Beinen. Wie lange ist es noch bis zum traumhaften Wasserfall, unserem Ziel?

Ein Kampf zwischen Geist (stark) und Fleisch (schwach) begann und sollte in einem Triumph des Willens (uhhhuuuu) enden. So liegen wir hier, Kopf unter Wasser. Wir koennen nichts beweisen, denn unseren Fotoapparat hatten wir vorsorglich im Auto gelassen. Keiner wird uns diese Geschichte glauben. Ich brauche jetzt ganz dringend ein Bier.

is kein pressebild. bis hier kam der fotoapparat mit.

Die Schlappen

Eine junge Investigativreporterin des chinesischen Satellitenfernsehens enthuellte kuerzlich in ihrer Sendung, das Schuhe Ausdruck der Persoenlichkeit seien und Rueckschluesse auf den Charakter zuliessen. Christian und ich kugelten uns lachend ueber das Bett, vor dem unsere angeblichen Charakterschlappen standen: die geborgten Trekkingsandaletten und hornhautbefoerdernde Leder-Flip-Flops von Christian, meine Kakerlaken-und-Feuchtigkeits-feindlichen Badeschlappen sowie die ehemals weissen Lederschlaeppchen meiner Mutter, die mittlerweile so aussehen, als waeren sie kilometerweit von einem Esel durch die syrische Wueste geschleift worden. Oder sogar selbst getragen. Ausserdem immer am Fuss: flache 2,99-Euro-Espandrillas aus dem Nanu-Nana in Leipzig, die – weil sie nicht nass werden duerfen – den Staub tuerkischer Provinzstaedte, syrischer Ruinen und libanesischer Nachtclubs mit sich fuehren. Ich trage sie hartnaeckig ueberall und unter allem.

Als wir uns nach Tagen der Hauptstaedte-Vergleichs-Tour (erst Beirut, dann Damaskus, dann Amman) zu einem Ausflug in die Natur entschieden, war klar, dass meine natuerlichen Oeko-Fuesslinge mitkommen wuerden. Im Werbekatalog einer Naturschutz-Organisation suchten wir uns den “Easy-Trail” durch das Mujib Nature Reserve heraus. Auf den Bildern laufen Menschen durch einen imposant geformten Canyon, links und rechts wachsen Seepflanzen, die Sonne scheint. Ein leichtes Vergnuegen. Man sollte auch wasserresistente Schuhe dabei haben, stand da im Prospekt, weswegen es auch die Badeschlappen ins Gepaeck schafften.

sieht aus wie kaputt? die hose war ein geschenk!

Am Eingang des Reservates bestand der Kassierer darauf, dass wir uns eine Rettungsweste anzogen, unser Fressbeutelchen samt Buechern und Fotoapparat daliessen und eine Erklaerung unterschrieben, dass niemand ausser uns fuer Verletzungen und Tod verantwortlich sei. Wir dachten: “Der Typ soll sich mal locker machen!” und steckten die Pfirsiche in die Hosentaschen.

Als wir ueber eine gluehendheisse Eisenleiter ins knoecheltiefe Wasser plumpsten, schwamm ein Badelatsch sogleich davon. “Ich sollte versuchen, so schnell wie moeglich auf ein Kiesbett zu kommen und dort zu bleiben”, dachte ich, aber dieser Wunsch wurde schon eine Biegung weiter mit einem tosenden Gesprudel weggespuelt. Das Wasser wurde tiefer und tiefer, die Stroemung drueckte und riss bis nur noch Taue am Felsrand den einzigen Halt boten. Eine Mauer aus ueberlebensgrossen Felsbrocken galt es zu ueberwinden. Und es war klar, dass die Nur-Toilettenabenteuer-erprobten Badeschlappen das nicht schaffen wuerden. Die Wuestentreter? Es wuerde sicher ihr nasses Grab bedeuten! Eine Entscheidung musste her solange wir uns noch in der Stroemung halten konnten. Ich vollstreckte das Todesurteil und kletterte los.

Immer weiter durch die ausgespuelte Canyonspalte, deren rotbraune Felsen so hoch in den Himmel ragen, dass dieser nur noch durch einen schmalen Spalt lunzt. Immer hoeher wurden die steinernen Barrieren, die wir bald nur noch “Challenges” nannten. Und genau in dem Moment, als die Arme zu schwach wurden, sich noch einmal an einem uebersprudelten Stein hochzuziehen, belohnte uns die Natur mit einem Wasserfall.

Den Schlappen standen die Sohlenhaare zu Berge so zerzauselt und aufgequollen waren ihre bastigen Schnuere. Wie tapfer waren sie gewesen! Zuhause im Hotel trocknete ich sie, plaettete sie unter dem Nachttisch und schnitt ihnen die Basthaare. Unmoeglich kann ich sie in einem beliebigen Hoteleimer versenken. Sie gehoeren doch zu meiner Persoenlichkeit!

Etwaige Unterschiede in der Darstellung sind auf die Versuchsanordnung zurueckzufuehren. Beide Autoren haben den Text des anderen vor der Veroeffentlichung nicht gelesen.

Syrien von A bis Z

Achmed: Sammelbezeichnung fuer alle, die nicht Ali heissen.

Beduine: Syrischer Dauercamper ausserhalb der urbanen Zentren.

Chai: Arabisch fuer Tee, Kultur des Glasteeschluerfens wird zusehends von Lipton verdraengt.

Donkey: Landestypisches Schimpfwort fuer zurueckgebliebene ->Achmeds, fuer uns: Phaenotyp des starrendes Syrers.

Ekel-Fleisch: Haengt im Schaufenster vom Metzger bis Doenermann, Marketingnutzen fraglich.

Hmmm, lecker

Fattouch: Leckerster Salat des Orients, Besonderheit: frittiertes Fladenbrot als Topping.

Graffiti: Steckt noch in den Kinderschuhen.

Die arabischen Antworten auf Banksy

Hitlergruss: Willkommensgeste des Grenzbeamten an syrisch-libanesischer Grenze.

Iiiiiih!: ->Ekel-Fleisch ->Kakerlaken ->Orient-Express.

Jalla-Jalla: Arabisch fuer schnell-schnell!, Geschwindigkeitsangabe beim Essen, Fahren und fuer Geschaeftsentscheidungen.

Kakerlaken: Stammgast in jedem syrischen Hotel, kann sogar fliegen.

Lokale Leckereien: Klebriger Blaetterteig, Griespudding mit Pistazien und Frucht-Cocktails ->Orient-Express.

Mister Musa: Familienoberhaupt, bekannt fuer beschraenktes Englisch-Vokabular, dafuer aber uberbordendes Kommunikationsbeduerfnis.

mister musa (rechts)

Nahtodeserfahrung: Regelmaessiges Erlebnis waehrend einer Minibus-Fahrt.

Orient-Express: Frucht-Cocktail induzierte Verdauungsstoerung.

Palmen-Bart: Anpassung der Vegetation an syrische Gesichtsmode.

Viel Arbeit fuer die Palmenfrisoere

Quamishle: Tor zum Orient und zu unseren Herzen.

Rechtschreibung, kreative: Folgt individueller Intuition.

Ohne Worte (in Damaskus)

Schleich-Scheich: Flanierender Araber, Gegenteil von ->Jalla-Jalla.

Taubheit: Ergebnis von dauerhafter Geraeuschkulisse durch Hupen und arabischen Dudelpops.

Umweltverschmutzung: Nein, Plastiktueten bauen sich nicht automatisch ab, wenn man sie an den Strassenrand schmeisst.

Vermummung: Dresscode muslimischer Frauen von Handschuh, Mantel bis zum Gesicht, Mundvermummung wird auch beim Essen nicht abgenommen.

Welcome to Syria: Weitverbreitete Grussformel von Strassenkind bis Geschaeftsfuehrer.

Xylophon: Angesichts der lokalen Musikinstrumente, einen Import wert ->Taubheit.

Youtube: Verboten!

Zitadelle: Jede Stadt sollte eine haben (hat sie auch).

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