Wasser stroemt an unseren Koepfen vorbei und auch die Gedanken stroemen in beiden Koepfen. Darum gibt es heute zwei Sichten auf ein Ereignis.

Wir Schlappen
Nie habe ich mir mehr ein Bier herbeigewuenscht als jetzt. Wir liegen wie Steine in einem reissenden Fluss, erschoepft, verletzt und mit feuerroten Koepfen. Diese haben wir bis zu den Ohren unter Wasser versenkt und hoeren nun nur noch das Geraeusch des Flusses. Ueber uns fliegen Greifvoegel in der Canyon-Schlucht, durch die sich der Siq-Fluss schlaengelt, in dem wir liegen. Die Sonne drueckt ihre kosmische Kraft in die Schlucht. Wir koennen nicht mehr. Wir sind tot. Toter als das Tote Meer, das einen Kilometer ausserhalb des Wadi Mujib Natur Reservates daliegt wie ein Salzteig. Wir waeren gerne da draussen, aber ein zweistuendiger Rueckweg liegt vor uns: Ueber glitschige Felsbrocken, durch Stromschnellen und Felsspalten – ueber Hindernisse, die wir nicht im Geringsten erwartet haben, als wir am Morgen aufgebrochen waren.
“Der Siq-Trail ist der einfachste, den wir haben”, sagte die Frau im Wild Jordan Center in Amman, einem professionellen Marketingbuero der koeniglich-jordanischen Naturparkverwaltung. Die Fotos mit reissenden Fluessen und rotbraunen Felsen hatten es uns angetan. Nach hunderten roemischen, byzantinischen oder osmanischen Ruinen wollten wir endlich mal wieder ins Gruene. Das Reservat am Fusse des Mount Nebo schien uns dafuer am geeignetsten. Schliesslich hatte Moses von der Bergspitze aus das Gelobte Land gesehen.

Reiseflaneure wie wir sind, besteht unsere Action-Sport-Ausruestung jedoch nur aus ein Paar geliehenen Trekking-Sandalen, ein Paar Bastlatschen, Badeanzug und -hose sowie einer Strandtasche, in der Kekse und Kaugummi herumbollern. Mehr nicht. Kein Vergleich zu den hochgeruesteten Profi-Touristen, die mit einem ganzen Arsenal an JackWolfskinQuechuanNorthface-Utensilien aus den Autos am Eingang des Naturparks stiegen. Wir schmunzelten und dachten noch immer, dass im Nahen Osten “easy” auch “Omi-Weg mit Gelaender an der Seite” bedeutet. Die Schwimmwesten, die am Eingang verteilt wurden, gab es bestimmt auch nur aus versicherungstaktischen Gruenden.
Erst fing der Track durch die Canyons auch ganz harmlos an. Wir wateten durch knietiefes Wasser, zerknirschten Kiesel unter unseren Fuessen und waren beschwingt von der gelobten Natur. Aber nach zwei Flussbiegungen richteten sich unsere Augen nicht mehr auf die Natur ueber uns, sondern nur noch auf die naechsten Meter vor uns: Starke Gegenstroemung riss uns die Wasserflasche aus der Hand und die Pfirsiche aus der Badehosentasche. Mit beiden Haenden an den Bergsteigerseilen mussten wir gegen den Strom schwimmen, auf Felsvorspruenge klettern, ueber Klippen springen und uns an Seilen meterhoch ziehen, unwissend, was unter uns im Wasser ist und welche Pruefung als naechstes kommt.
Gretas Bein schrammte an einem besonders fiesen Felsen auf, bei dem Versuch, ihn durch Drueberrobben zu bezwingen. Kratzer, Schuerfer und Stoesse waren unsere Begleiter. Mit jeder Minute schwanden unsere Kraefte in Armen, Schenkeln und Beinen. Wie lange ist es noch bis zum traumhaften Wasserfall, unserem Ziel?
Ein Kampf zwischen Geist (stark) und Fleisch (schwach) begann und sollte in einem Triumph des Willens (uhhhuuuu) enden. So liegen wir hier, Kopf unter Wasser. Wir koennen nichts beweisen, denn unseren Fotoapparat hatten wir vorsorglich im Auto gelassen. Keiner wird uns diese Geschichte glauben. Ich brauche jetzt ganz dringend ein Bier.

Die Schlappen
Eine junge Investigativreporterin des chinesischen Satellitenfernsehens enthuellte kuerzlich in ihrer Sendung, das Schuhe Ausdruck der Persoenlichkeit seien und Rueckschluesse auf den Charakter zuliessen. Christian und ich kugelten uns lachend ueber das Bett, vor dem unsere angeblichen Charakterschlappen standen: die geborgten Trekkingsandaletten und hornhautbefoerdernde Leder-Flip-Flops von Christian, meine Kakerlaken-und-Feuchtigkeits-feindlichen Badeschlappen sowie die ehemals weissen Lederschlaeppchen meiner Mutter, die mittlerweile so aussehen, als waeren sie kilometerweit von einem Esel durch die syrische Wueste geschleift worden. Oder sogar selbst getragen. Ausserdem immer am Fuss: flache 2,99-Euro-Espandrillas aus dem Nanu-Nana in Leipzig, die – weil sie nicht nass werden duerfen – den Staub tuerkischer Provinzstaedte, syrischer Ruinen und libanesischer Nachtclubs mit sich fuehren. Ich trage sie hartnaeckig ueberall und unter allem.
Als wir uns nach Tagen der Hauptstaedte-Vergleichs-Tour (erst Beirut, dann Damaskus, dann Amman) zu einem Ausflug in die Natur entschieden, war klar, dass meine natuerlichen Oeko-Fuesslinge mitkommen wuerden. Im Werbekatalog einer Naturschutz-Organisation suchten wir uns den “Easy-Trail” durch das Mujib Nature Reserve heraus. Auf den Bildern laufen Menschen durch einen imposant geformten Canyon, links und rechts wachsen Seepflanzen, die Sonne scheint. Ein leichtes Vergnuegen. Man sollte auch wasserresistente Schuhe dabei haben, stand da im Prospekt, weswegen es auch die Badeschlappen ins Gepaeck schafften.

Am Eingang des Reservates bestand der Kassierer darauf, dass wir uns eine Rettungsweste anzogen, unser Fressbeutelchen samt Buechern und Fotoapparat daliessen und eine Erklaerung unterschrieben, dass niemand ausser uns fuer Verletzungen und Tod verantwortlich sei. Wir dachten: “Der Typ soll sich mal locker machen!” und steckten die Pfirsiche in die Hosentaschen.
Als wir ueber eine gluehendheisse Eisenleiter ins knoecheltiefe Wasser plumpsten, schwamm ein Badelatsch sogleich davon. “Ich sollte versuchen, so schnell wie moeglich auf ein Kiesbett zu kommen und dort zu bleiben”, dachte ich, aber dieser Wunsch wurde schon eine Biegung weiter mit einem tosenden Gesprudel weggespuelt. Das Wasser wurde tiefer und tiefer, die Stroemung drueckte und riss bis nur noch Taue am Felsrand den einzigen Halt boten. Eine Mauer aus ueberlebensgrossen Felsbrocken galt es zu ueberwinden. Und es war klar, dass die Nur-Toilettenabenteuer-erprobten Badeschlappen das nicht schaffen wuerden. Die Wuestentreter? Es wuerde sicher ihr nasses Grab bedeuten! Eine Entscheidung musste her solange wir uns noch in der Stroemung halten konnten. Ich vollstreckte das Todesurteil und kletterte los.
Immer weiter durch die ausgespuelte Canyonspalte, deren rotbraune Felsen so hoch in den Himmel ragen, dass dieser nur noch durch einen schmalen Spalt lunzt. Immer hoeher wurden die steinernen Barrieren, die wir bald nur noch “Challenges” nannten. Und genau in dem Moment, als die Arme zu schwach wurden, sich noch einmal an einem uebersprudelten Stein hochzuziehen, belohnte uns die Natur mit einem Wasserfall.
Den Schlappen standen die Sohlenhaare zu Berge so zerzauselt und aufgequollen waren ihre bastigen Schnuere. Wie tapfer waren sie gewesen! Zuhause im Hotel trocknete ich sie, plaettete sie unter dem Nachttisch und schnitt ihnen die Basthaare. Unmoeglich kann ich sie in einem beliebigen Hoteleimer versenken. Sie gehoeren doch zu meiner Persoenlichkeit!
Etwaige Unterschiede in der Darstellung sind auf die Versuchsanordnung zurueckzufuehren. Beide Autoren haben den Text des anderen vor der Veroeffentlichung nicht gelesen.