Das erste Mal: Ostprobe in Polen

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13. März 2009 von ostprobe

FÜNF HAKENKREUZE, BITTE!

Ich bin Deutsche. Drei Worte für Muttersprachler, Schwierigkeitsstufe 1. I’m German. Zweieinhalb Worte für die ganze Welt, Schwierigkeitsstufe 2. Jestem niemcem. Zwei Worte für Polen, unglaublich schwer für mich.

Wir stehen an der Bar, er hat einen tollen Kaschmirpullover an und dichte schwarze lockige Haare. Wir unterhalten uns auf Englisch über Apfelwodka und Ausgehzeiten in Polen. Wir stehen und lachen und quatschen und trinken. Dann fragt er, woher ich komme. Aus Deutschland. Aha. Viele in Polen haben ja noch Probleme mit Deutschen, sagt er. Er natürlich nicht, er schaue nach vorn. Und ich könne ja auch nichts dafür… Es folgt eine halbnächtige Diskussion über die polnisch-Deutsche Geschichte und Gegenwart. Mit Apfelwodka, stehend an der Bar, ohne zu lachen. —

Johann (deutsch) hat es uns erzählt, gleich nachdem er aus dem Krankenhaus zurück war. Er war auf dem Weg zur Erasmusparty, telefonierte mit einem Freund aus der Heimat. Zwei Fleischer-Gestalten (polnisch) schlugen ihm das Handy aus der Hand, er begann wegzurennen und lief genau in die Arme von drei weiteren. Eine halbe Stunde später kam der Krankenwagen. „Ich projiziere das jetzt nicht auf alle Polen – das hätte mir auch in Deutschland passieren können“, sagt Johann zwei Tage nach seiner Entlassung. „Rechtsextreme Kräfte sind nicht besonders häufig, aber sehr präsent“, formuliert es meine Soziologie-Dozentin. Ich spreche seitdem im öffentlichen Raum hauptsächlich Englisch und habe für manche Gesprächspartner die schwedische Staatsbürgerschaft angenommen. So fühlt sich das also an…

— Der Bäcker ist lustig. Er reibt seine Hände vor dem kugeligen Bauch und kramt deutsche Vokabeln aus seinem Gedächtnis: „Grüß Gott, Grüß Gott“ Dabei lacht er so viel, dass die Bestellung zweimal wiederholt werden muss, bis er das Brötchen in die Tüte wickelt. Er reicht noch einen Probierkeks rüber und freut sich über jedes schmatzende „Mmmhh“. Ich zeige auf kleine pudrige Kipferl und stottere „Prosze, piec“. „Fünf Hakenkreuze, bitte“, schießt es aus ihm heraus. Ich lächle verunsichert, zahle schnell und weiß nicht, ob die jetzt noch gut schmecken. —

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2 Kommentare zu “Das erste Mal: Ostprobe in Polen

  1. Artur sagt:

    Hello,

    I see that this post has not found many interested 😉
    Maybe it is worth to be commented by Pole.
    From my point of view, the situations described are very rare, this days.
    Yes you can meet in Poland with some signs of resentment towards the Germans but this applies to people from the generation that survived the war.
    Coevals of the author, the young generation, does not have problems with the history.
    I might not understand properly your post because my German language is already heavily „rusty“.
    Anyway, I recommend another trip to the „Middle East“ from Leipzig.
    If you need a guide, I’m ready.

    Yours sincerely,
    Artur from Warsaw

    • ostprobe sagt:

      Hi Artur,
      I always hoped that these episodes were just some unique bad experiences without representative character for Poland itself. It’s ten years ago now, that I studied in Poland – maybe I should take this anniversary to revisit this bar, this boy, this bakery. Wroclaw, jadę! (My Polish is extremely rusty, too).

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