Albanien und seine gefangenen Vögel

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31. März 2009 von ostprobe

Tirana bei Nacht

Tirana bei Nacht

Der dunkelrote Reisepass landet auf einem Stapel blauer Hardcoverpaesse und Dokumentenlappen. Bis zur albanischen Grenze werden sie beim Fahrer des Minibusses bleiben. Es sind mehr Paesse als Sitze im Bus. Und nur dank meiner blonden Haare lande ich nicht im Mittelgang, sondern zwischen zwei alten, wild diskutierenden Albanern.

Spaerlich bewaldete Felsberge ziehen am Fenster vorbei. Am Strassenrand warten gesattelte Esel auf ihre Besitzer, die an selbstgebauten Holzstaenden Feigen, Brombeeren und Wein verkaufen. Jungs im Grundschulalter recken Beutel voll selbstgespfluecktem Obst in die Hoehe, wenn ein Auto vorbeifaehrt. Im Radio wechseln sich tuerkischer Pop, albanische Folklore und „Cocojambo“ von Mr. President ab. Es ist zum Faechern heiss.

Honigkirschen und Backstein

Aber die albanischen Brueder Claid und Etienne, die mich in der Reisepassschlange vorgelassen haben und nun stehen, verkuerzen die Zeit. Nach sechs Stunden „Albanien fuer Anfaenger“, einem gescheiterten Hostel-Check-In und einer Taxifahrt durch Tirana spaeter, sitze ich in einem ordentlich aufgeraeumten albanischen Wohnzimmer. In der Hand einen Milchreis mit Honigkirschen, umringt von Grosseltern, Mutter und den Bruedern. Und dem Onkel, der schliesslich etwas deutsch spricht und gleich herantelefoniert wurde. Muehsame, aber herzliche Konversation.

Dann geht es zum Nachbarn. Sein Haus ist noch roher Backstein, innen durchziehen Risse die Wand. Ab sieben Uhr geht der Strom fuer zwei Stunden aus. Es ist mein Quartier fuer die erste Nacht, welche ich aber im modernen Tiranaer Clubleben verbringe. Die Stadt zeigt sich schillernd. Die Bars entsprechen westlichen Vorstellungen von Hipness, die Preise auch.

Im Tumult

Bei Tageslicht verwandelt sich die Stadt in ein staubiges Durcheinander aus hupenden Autos, Obstverkaeufern, einraeumigen Kaffeebars, Palmen, Muellbergern, bettelnden Roma-Frauen, Mercedes-Karavanen, Generatorengebrumme.

Auf einem alten Mercedes tuermen sich Kaefige voll Kanarienvoegel in allen Farben. Der Fahrer und Verkaeufer steht rauchend einige Meter weiter im Schatten. „Ich sollte einen Vogel kaufen und befreien!“, denke ich, waehrend ich auf einer trockenen Pita-Tasche herumkaue.

Die Brueder hatten erzaelht sie wollten nach Deutschland ab diesem September. Zum Studieren. Weil der Deuschlehrer gesagt hatte, dass es in Duesseldorf viele Albaner gibt und der Onkel dort auch schon war, wollen sie dort ihr neues Leben beginnen. Hier in Tirana sehen sie fuer sich keine Zukunft – zumindest keine glueckliche. Ihre Mutter, die drei Wochen in Deuschland war, sagt seit dem zu ihnen: “ Ihr muesst deutscher werden!“ Das heisst ordentlicher, puentklicher, besser. Deuschland ist hier das Sinnbild des Besseren. „Deutschland, Deutschland ueber alles“ gehoert zu den wenigen Saetzen, die Claid und Etienne koennen. Auf ihrem Handy haben sie die deutsche Nationalhymne. Mit allen drei Strophen.

Natuerlich, der Vater warnt sie: „Ihr werdet keine guten Jobs finden. Sie werden euch dort schlecht behandeln!“ Aber die beiden haben immer nur eines vor Augen: den deutschen Reisepass (auch so ein Wort, dass ihnen schnell ueber die Lippen laeuft). „Dann sind wir frei und koennen wie du ueberall hinreisen.“ Dann sind sie nicht mehr wie diese Voegel auf dem Mercedes gefangen.

„Frau Taubert, uebernehmen Sie!“

Am Nachmittag gehe ich mit ihnen in ihre Sprachschule. Es ist ein kleiner Raum im Hinterhof eines Restaurants. Davor steht eine Schubkarre mit Renoviermuell, innen steht die Tafel auf dem Boden. Als der Lehrer mit reichlich Verspaetung den Raum betritt, zuendet er sich gemaechlich eine Zigarette an. Ich werde vorgestellt und nach einem langen Zug von seiner Malboro sagt er: „Ich habe noch einiges zu tun heute. Koennten Sie die Klasse uebernehmen?“

Eine Stunde lang beanworte ich Fragen ueber das Zugangssystem zu deutschen Hochschulen, die Uni-Struktur, doziere ueber Stipendien und das Studentenleben.
Danach beschliesse ich, den Vogel nicht zu kaufen. Es waere zynisch.

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