Der Mulm

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31. März 2009 von ostprobe

Der Mulm ist ein merkwuerdiges Ding. Man kennt ihn hauptsaechlich als Wie-Wort in Kombination mit „zumute“. „Zumute“ wiederum koennte einerseits aus dem Kontext eines aktiv bewiesenen Mutes herruehren oder aber auch aus einer passiv erlebten Zumutung. Beides kann man im Kosovo innerhalb von 12 Stunden durchleben.

Der Froschkoenigmulm

Wenn man an zwei aufeinander folgenden Tagen an der gleichen Bar haengt, einen die Kellner bereits gruessen und unaufgefordert mit Gratis-Nachschub versorgen, kann man schon von „seinem Club“ sprechen. Ich klebte also in meinem Club mit den Lippen am Wodkaglas, den Ohren an der Jazzband und freute mich meiner Unabhaengigkeit. Spaeter, am Tisch der angeblich bekanntesten Jazzer Kosovos, freuten wir uns zusammen ueber die Unabhaengigkeit Kosovos. „Your are our Sister“ und HighFive.
Doch der Mulm lauerte nur eine Ecke weiter. Er trug einen gekoernten grauen Anzug, hatte ein etwas kroetenhaftes Gesicht und sprach mit mit „Mylady“ an. Er drueckte mir meinen goldenen Schluessel in die Hand und ich sprang ueberschwaenglich in den kunstrasenbegruenten Fahrstuhl. An meiner Tuer merkte ich, dass ich nicht die 228 in der Hand hielt. Und da oemmelte sich die Rezeptionskroete auch schon die Treppen hoch. „I’m so sorry“, murmelte er im Dienergang, Handkuss und Kaffeeangebote, vor der Tuer streckte er mich doch tatsaechlich das fahle schlappe Gesicht hin und dachte er wuerde von mir aus seiner Amphibienhaftigkeit erloest werden. Ich schlug die Tuer zu, drehte meinen Goldkugelschluessel doppelt um. Aber der Froschkoenigmulm blieb bei mir.

Der Abenteuermulm unterm Strahlenschutzmantel

Mit einem Sandwich im Magen, dem Burberry-Strahlenschutzmantel und der Susan-Surandon-Gedaechtnis-Brille auf der Nase hatte ich ein Beduerfnis nach Langeweile. Ich zog als los, um nichts zu suchen. Nach fuenf Minuten hoerte ich Protestrufe. Ein Megafon. Das blassrosa Rektorat. Transparente. Geballte Faeuste. Johlen. Das war vor der Brille. Hinter der Brille stand der Satz des Auswaertigen Amtes: „Von individuellen, ohne Betreuung von ortsansässigen Gastgebern durchgeführten Reisen nach Kosovo wird nach wie vor abgeraten. … Es wird empfohlen, Menschenansammlungen nach Möglichkeit zu meiden. Es besteht in diesem Zusammenhang auch die Gefahr von Querschlägern aufgrund des landesüblichen Abfeuerns von Freudenschüssen in die Luft.“
Ich zog meine Digitalkamera aus der Tasche, steckte den Presseausweis in die Manteltasche. Dann stuermte der Mob das Gittertor des Rektorates.“Wir duerfen unsere Pruefungen nicht im April, sondern erst im Juni schreiben“, sagte mir eine Protestantin. „Na und?“, dachte ich, hielt mich aber zurueck, weil gerade zwei Jungs vorbei liefen, die ihre brennenden Augen mit einem Taschentuch zudrueckten. Pfefferspray? Wegen Pruefungsterminen? Polizeisirenen jaulten, der Kreis von Sicherheitskraeften zog sich enger. Der Abenteuermulm kroch mir unter den Mantel. Meine Kamera zeigte mir warnend an, dass sie keine Kraft mehr habe. Wie ich.

In wenigen Minuten breche ich nach Mitrovica Nord auf. Dort, wo vor wenigen Tagen UN-Fahrzeuge gebrannt haben. Ein Mulm hat sich allerdings noch nicht blicken lassen. Aber ich weiss ja jetzt, wie er aussieht.

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