Gedankenbilderbuch: Sarajevo

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31. März 2009 von ostprobe

orientalische Gefühle und Gefäße

orientalische Gefühle und Gefäße

*Kaffeetrinken auf Bosnisch ist so viel mehr als die Tasse zum Mund fuehren:

1. eine Zeremonie. Der starke Kaffee wird in kunstvollen Messingkaennchen mit Stiel serviert. Wenn der Satz gesunken ist, schoepft man den oberen Schaum ab und giest ihn in ein henkelloses Schaelchen. Der Zucker darf nicht eingeruehrt werden, sondern nur eingetunkt. Er zerfliest erst auf der Zunge und wir mit dem bitteren Kaffee heruntergespuelt.

2. eine Auszeit. Bevor die Arbeit beginnt, bevor sie endet und nachdem sie getan ist, setyten sich die muslimischen Maenner an die niedrigen Tische vor den „Caffes“. „Wir reden dann nicht, sondern sagen nur ab und zu ‚Ja.‘, sagt Ismar. „Das ist unglaublich entspannend, der Welt einfach nur zuzuschauen.“

3. eine Lebenseinstellung. Sitzen, Schauen, Nippen, Verharren. Es geht von den Cafe-Tischen eine Ruhe aus, die sich auf die ganze Stadt niederschlaegt. Obwohl Ismar als Zahnarzt in einer Praxis arbeitet, die Gaeste des Hostels seines Vaters betreut, ehrenamtlich fuer Gedenktage der Verteidigung Sarajevos organisiert und schwangere Frau zu Hause sitzen hat, merkt man ihm die Hektik nicht an. „Diese Kultur gibt es nur hier“, sagt Ismar, „und so sehr sich viele Bosnier in den Westen wuenschen, nach 6 bis 7 Jahren sind sie wieder hier.“

*Duft von gegrilltem Fleisch. Wie eine vom Tourismusverband erdachte olfaktorische Marke haengt Cevapcici-Geruch in den engen Gassen des tuerkischen Bazars. Bosnier essen es dreimal am Tag, sagt unser Host Ismar, seine schwangere Frau fuenfmal.

*Kunst. Wir entdecken die 10-Quadratmeter-Galerie, ein Glaswuerfel mit einer Fotocollage an einer Wand. „Es ist die einzige unabhaengige Galerie in Sarajevo“, sagt der franzoesische Kuenstler Pierre, dem sie auch gehoert. Er sitzt mit seinen Freunden (ein kanadischer Fotograf und ein franzoesischer Filmemacher) vor dem Wuerfel und raucht. Katzenkinder strolchen umher, man hat Zeit. Sie reden ueber die balkanesische Trashmusik Turbofolk, ueber den Reagge-Film des einen, der auf dem Sarajevo-Film-Festival laufen wird und darueber, wie schwierig es junge bosnische Kuenstler haben. „An der Akademie duerfen sie nur schoene naturalistische Bilder malen. Experimentelles oder Installationen werden nicht gewuerdigt. Die nehme ich dann in meiner Galerie auf und versuche Kontakte und Austausch nach Westeuropa herzustellen. Zu mir kommen also nur die „Schlechtesten“ der Akademie“, sagt Pierre..

Es ist zwar nur ein kleiner Glaswuerfel in einem schmutzigen Hinterhof umringt von Sportwettbueros, aber es sind die ersten zehn Quadratmeter kuenstlerischer Freiheit. Denn sogar die Nationalgalerie raeumt fuer 150 Euro am Tag ihre Waende frei. Egal fuer wen.

*Verstecken. Die ausgebrannten Haeuser glotzen wie tote Augen aus dem Stadtbild. An vielen Fassaden sind die Einschussloecher seit dem Krieg unverputzt geblieben. Kleine Krater und Schussloecher auf der Strasse wurden mit rotem Wachs gefuellt – wie Blutlachen, die die Yeit nicht wegwaschen kann. Das furchteinfloessende Gesicht des Krieges ist das erste, das Sarajevo offenbart.

Sein lachendes Gesicht zeigt es, je laenger man hinschaut. Und sucht. Fast eine Stunde lang sind wir in der Dunkelheit immer weiter stadtauswaerts gelaufen. Haeuserblock-Viertel, Fastfood-Buden, immer wieder Friedhoefe. Dann finden wir einen kleinen Club, an dessen Tuer wir klopfen. Und Einlass finden.

Denn die Sehenswuerdigkeiten, die der Stadtplan verzeichnet, sind vernachlaessigbar. Ein hoelzerner Springbrunnen, die von Tauben umringt, das unvermeidbare Zentrum der Stadt bildet. Eine praechtige Moschee, in die keine Waffen mitgenommen werden duerfen (laut Schildern) und sogar meine knielangen Roecke zu kurz sind (laut Aupasser, der mir ein Leinentuch gegeben hat).

Das eigentlich Erlebenswerte kann aber in keinem Stadtplan beschrieben werden: nach zwei Tagen ist man Teil der Stadt geworden. Als waere man schon immer und fuer immer hier. Nur der Stadtplan in der Tasche erinnert noch an die Realitaet. Und dass es eine Zeit gab, in der man glaubte anhand von Einschussloechern irgendetwas ueber die Stadt zu wissen.

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