Im Spiegel

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31. März 2009 von ostprobe

Oslobodenje

Oslobodenje

Die ruckelige Bahn deutschen Fabrikates schiebt sich die krummen Schienen aus der Stadt heraus. Das pitoresque Verwinkelte weicht klobigen Wohnkloetzen, merkwuerdig krellen Fassaden und verspiegelten Protzphantasien. Eine vom Krieg erzwungene Mischung aus allem dreien ist das Gebaeude der Osobodenje, der zweitgroessten Tageszeitung Sarajevos. Sie war die einzige Zeitung, die auch waehrend des Krieges erschien und bis heute die linksliberalen Politikinteressierten erreicht. Sie ist der Spiegel Sarajevos – aber nicht „Der Spiegel“.

Die Redaktionsraeume liegen versteckt. Nur ueber eine wackelige Gitterwendeltreppe erreicht man den Eingang der Oslobodenje. Das Haus erinnert an eine ueberdimensionale Dachrinne mit Sichtleiste. Im Krieg wurde ihre Redaktion – ein weithin sichtbares Hochhaus – von Granaten zerstoert. Die Bilder der zerfetzten Mauern sind bis heute auf Postkarten zu sehen. Heute ist der Turm vom Hauptkonkurrenten der Zeitung wiederaufgebaut: als kleeblattfoermiger Spiegelglasturm, in dem das teuerste Hotel Bosniens untergebracht ist.
Die Gleichzeitigkeit der Architektur ist verwirrend. Krieg, Politik, Presse. Wohlstand, Wirtschaft, Dekadenz.

Innen hoeren die Merkwuerdigkeiten nicht auf. Links und rechts in der Roehre sitzen Journalisten in kleinen Glaskammern. Einige der Journalisten waren auch im Krieg hier, haben wochenlang mit der gesamten Redaktion im Schutzbunker gelebt und gearbeitet. Nach Hause zu fahren, war zu gefaehrlich. Jetzt ist die Atmosphaere wenig freundlicher als in einer Katakombe. Der Chefredakteur, ein 30-jaehriger Aufsteiger, der die Worte Kamm, Anstand oder Rasierapparat wenig mit Leben fuellt – sich dafuer aber mit Marlboro, Ironie und Koks auskennt – fuehrt heute die Zeitung.
In Friedenszeiten. „Wuerde ich heute in Bagdad arbeiten wollen?“, fragt er sich lachend selbst, „zum Teufel – natuerlich! Es ist besser als Koks.“

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