Bin ich zuhause?

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4. April 2009 von ostprobe

Die Zugtuer des Nachtzugs von Muenchen nach Belgrad gibt mit kontinuierlichem Piepen den Blick auf den Hauptbahnhof frei. Dreckige Stadtluft schlaegt mir entgegen, auf dem Grill des Bahnhofimbiss brutzelt das Fleisch. Draussen spruehen die Funken von vorbeifahrenden Strassenbahnen, kleine Kinderhaende bitten um Geld. Es sind vertraute Bilder, die in diesen ersten Momenten die Vorfreude wecken.

„Ich hab mir Belgrad exotischer vorgestellt“, sagt ein Mitreisender. Ein wenig Entaeuschung schwingt mit. Die Gruenderzeithaeuser und praechtigen Villen erinnern an die Wien und die K+K-Yeit, die Wohnblockwuerfel konservieren das sozialistische Tito-Erbe, die Glasfassaden spiegeln den Wunsch nach Modernem. Waehrend in den Randbezirken und Nebenstrassen die jahrzehntelange Wirtschaftskrise Serbiens traurige bis elende Spuren hinterlassen hat, ist die Innenstadt mit internationalen Mode- und Fastfood-Ketten gentrifiziert. „Wie in Leipzig“ glaubt ein anderer Mitreisender die Parallele entdeckt zu haben.

Ebenjener bruellt wenige Stunden spaeter den Satz „Wie in Berlin!“ in mein Ohr. Wir stehen in einem verschimmelten Hinterhofkeller, eine zierliche Frau sinkt gewollt schief zu Elektropoprockklaengen ihrer Bandkollegen, hippe Grossstadtmenschen in Second-Hand-Outfits bewegen ihre perfekten Koerper. So viel Subkultur lockert auch unsere Kniegelenke, die wir nach der 24-stuendigen Zugfahrt laengst als unbrauchbar bewertet hatten. Ploetzlich umfasst ein Arm freundschaftlich meine Schultern und drueckt mich. Eine junge Frau mit etwas zu viel rotem Lippenstift lacht mich an und sagt „Ciao, sckdhkjseriekaieirjie (also etwas meinen Ohren Unbekanntes). Ich freue mich, druecke zurueck und sage „Ciao, but I don’t understand you“. „Bist du nicht Natasha?“ fragt sie zurueck. Und ich muss bedauernd den Kopf schuetteln. Ich waere heute abend gern Natasha gewesen. Ich fuehl mich doch fast wie zuhause.

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