Schlaflos in Kosovo

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9. April 2009 von ostprobe

Schlaf! Ich will endlich wieder schlafen, aber die zwei Schichten brauner kratziger Bundeswehrdecken, die schwer auf meine Schultern druecken, sind nicht die beste Empfehlung fuer Suchende nach Behaglichkeit. Aber sie passen gut zur harten Pritsche in diesem Berghaus 1200 Meter oberhalb der kosovarischen Stadt Prizren. Zu Zeiten des Krieges war das Haus geheimer Stuetzpunkt serbischer Partisanen, heute verdient sich ein eigensinniger Alter mit nur noch einem sehenden Auge durch Zimmervermietung seine Rente.
Zwei Naechte hat sich meine Gruppe hier eingemietet. Als wir ankommen, steht der Mond schon hoch ueber den dunklen Baeumen und bringt den Schnee der Albanischen Alpen zum Leuchten. Eine Axt lehnt an der Hauswand vor der Eingangstuer und wir beginnen zu witzeln wie man es eben tut, wenn die Fassungslosigkeit noch nicht seinen Hoehepunkt erreicht hat. Es gibt keine Duschen, die Toiletten sind Loecher (woertlich!) und vermutlich von den Partisanen selbst zum letzten Mal geputzt worden.

Raki! schiesst es uns wie ein erloesender Blitz in den Kopf. Wir haben auf unserem letzten Ausflug in der (in Albaner und Serben) ethnisch geteilten Stadt Rahovec/Orahovac selbstgebrannten Schnaps gekauft. Einige von uns schleppen den Blindmacher in 1,5 Liter-Brauseflaschen mit sich rum, nachdem sie aus dem Schnapskeller des Freundes von einem Freund unseres Teamleiters nicht rechtzeitig mehr fliehen konnten. Heute ist ein Raki-Tag, keine Frage. Das liegt aber nicht nur am Zustand der Huette, sondern vor allem an einem:

Kaelte! Am Tag war es noch so warm gewesen. Die Sonne verbrannte die ersten Nasen, T-Shirts wurden beim Fussballspiel mit Roma- und Albanerkindern durchgeschwitzt und die sandigen Strassen staubten wuestengleich. Eine Glocke aus Staub und Dunst stuelpte sich ueber jeden Kopf und jeden Gedanken. Oben in den Bergen ist es schlagartig eiskalt. Nur der Holzofen in der kleinen Kueche, in der wir Nudeln mit Bolognese fuer die Gruppe kochen, waermt etwas. Die Temperatur-Vorspeise vor dem Raki sozusagen.

Kochen wie die Partisanen: mit Holz und Geduld

Kondition! Der Raki brennt unangenehm, aber wirkt. Ein kleiner Rest der Gruppe haelt durch und tanzt, singt, kichert die Kaelte weg. Am naechsten Tag bleibt aber keine Zeit fuer Kater-Lamoryanz. Nicht bei solchen Jungs: die deutschen KFOR-Truppen haben geladen und eskortieren uns durch ihr Lager und die Stadt. Moscheen, orthodoxe Kirchen und katholische Kathedralentueren oeffnen sich dank des guten Leumundes, den die Soldaten in der Region geniessen. Wenn die Truppen durch die Stadt patroullieren, winken immer wieder kleine Kinder, Alte nicken ihnen ruhig zu. In einen der Stuetzpunkte in der Stadt kommt jeden Tag eine alte Serbin, die dort beten will. Das Camp wurde in einer orthodoxen Kirchenruine aufgebaut. Zwischen Sandsaecken und Stacheldraht hat sie sich ihr kleines Heiligtum mit improvisierten Altar erhalten.

Bilder! Sie gehen nicht mehr aus dem Kopf und wirbeln staerker als Raki oder tuerkischer Kaffee. Das naechtliche Gedanken-Puzzel beginnt, und eine erneute schlaflose Nacht.

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Ein Kommentar zu “Schlaflos in Kosovo

  1. devid sagt:

    wirklich schön geschrieben

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