„Ich war Zeugin!“ Die Geschichte einer Aussteigerin

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12. April 2009 von ostprobe

Eine ganz normale Ecke im Roma-Viertel Shutka

Minderheiten haben es schwer, keine Frage. Aber wie geht es Minderheiten in der Minderheit, den Aussetzigen unter den Ausgestossenen, dem Rest vom Rest? Ostprobe hat sich in nach ganz unten gewagt und ist Roma-Zeugin Jehovas geworden.

Hintergrund

Etwas ausserhalb von Skopje gibt es ein weltweit bekanntes Stadtviertel, Suto Orizari. In ihm leben etwa 15-30 000 Roma (genau kann das niemand sagen, weil es keine verlaesslichen Statistiken gibt) zum grossen Teil in Wellblechhuetten oder kleinen elenden Haeusern. Waere dieser Blog nicht stets auf politische Korrektheit bedacht, wuerde Shutka, wie es in Kurzform genannt wird, als Slum beschrieben werden. Eselkarren ziehen Holzvorraete und Pappe. Katzen, Hunde, Gaense tappsen die Strassen entlang, auf denen hupende Autos, Linienbusse, Kleinsthaendler, Passanten und Staub ein undurchdringbares Gewimmel bilden. Shutka ist etwas, dass es eigentlich nicht geben duerfte: die Heimat einer Ethnie, die urspruenglich keine Heimat kennt. Allerdings leben nur noch 3 Prozent der Roma als fahrendes Volk, vom Rest haben sich viele seit Generationen an einen festen Ort gebunden. Shutka ist dabei die groesste Siedlung weltweit.

Ein Gang durch das Viertel ist kein Spaziergang. Ueberall wird Muell verbrannt, dessen giftiger Dunst die Luft nimmt. Aus beengten Huettchen huepfen struppige Kinder. Reicht man ihnen die Haende, bekommt man spaeter von der Caritas sofort ein desinfezierendes Frischetuch gereicht.

„Ich moechte hier bleiben“, sagt Manuela. Sie ist 19 Jahre alt und eine der wenigen, die ihr Abitur macht. Ueberall steht ein „exzellent“ im Zeugnis, sie hat ein Stipendium und ist Klassensprecherin. Bald hofft sie, Medizin studieren zu koennen. Aber die viele Muehe – auch gegen herrschende Vorurteile – bis zum Abschluss soll nicht die Fahrkarte gen Westen sein. „Hier ist meine Familie,  meine Freunde. Mit einem Job kann man hier ein gutes Leben fuehren“, sagt sie. Dann springt sie ruckartig auf. Ein ueberdimensionierter dicker Gantericht wackelt vorbei und versucht dem Mann zu entkomme, der in spaeter schnappen und in die Kueche schleppen wird.

Motiv

Mitten im Gewuehle der Stadt setzen zwei Frauen vorsichtig ihre Schritte. Die eine hat ein Heft unter dem Arm, das den ueberall bekannten „Wachturm“ zeigt. Sie sind Zeigen Jehovas, die hier an die Tueren klopfen sofern welche vorhanden sind.

Etwa 300 Zeugen gibt es allein in Shutka, die zweitgroesste Religionsgruppe des Viertels nach den Muslimen. Ihr Auftrag ist der gleiche wie ueberall auf der Welt: Menschen auf den richtigen Weg zu Gott bringen.

Eine der beiden Frauen spricht deutsch. Nerguz ging mit ihrer Mutter nach Deutschland als diese sich dort taufen liess. In Shutka traute sie sich das damals noch nicht. Nerguz laed mich zum Bibel-Studium in den Koenigreichsaal ein und ich sage einfach mal ja.

Ich bin Zeugin, 1.Akt

Am naechsten Abend setze ich mich in ein Taxi und durchquere Shutka erneut. Die Kinder, der Schmutz, die Armut – alles zieht in erschreckender Vertrautheit am Fenster vorbei. Ich habe ein wohlwollendes Bluemchenkleid angezogen und ordentlich gekaemmte Haare. Das letzte Haus am Rand des Viertels ist es, eine zweistoeckige gelbe Villa mit sauberen Fliesen und gepflegtem Rasen. Wo gegenueber Elende mit verdreckten Jogginganzuegen den Hof mit Wasser bespritzen, stehen nun Anzugtraeger und Frauen in Blusen und geknotetem Tuch. Alle haben warme, saubere Haende und neugierigfreundliche Augen. Ich werde neben die Frau des Aeltesten (= oertlichen Fuehrungsfigur) gesetzt. Dieser ist Oesterreicher, weswegen ich auch einen deutschen Wachturm und eine deutsche Bibel bekomme. Zwei Stunden lang stroemt das teils mazedonische, teils Romi Bibelvers-Zitieren auf mich ein. Nur die Gesaenge und die quaekenden Kindern verhindern ein sofortiges Einschlafen oder in Trance verfallen oder Konvertieren.

Ich bin Zeugin, 2. Akt

Nach quaelenden Erklaerungen ueber Wasser und heilige Schriften, die man regelmaessig zu sich nehmen muss, hoffe ich auf ein Gespraech mit dem oesterreichischen Landssprachenmann. Er laesst mich warten – wie es alle geschulten Fuehrungskraefte tun. Derweil werde ich wieder von den geputzten Romi umringt, die mir eine schockierende Botschaft vermitteln: „Ach so, du bist Journalistin? Du siehst aus wie eine Zeugin!“

Ich bin Zeugin, 3. Akt

Derartig assimiliert, versuche ich den Rueckzug, was mir nur gelingt, indem ich verspreche, mir auch die anderen beiden Koenigreichsaele in Skopje  zu besuchen. Auf dem Weg zum Bus, zu dem ich von einer Zeugen-Eskorte geleitet werde, kommt ploetzlich eine wildgewordene Roma auf mich zugestuermt, schubst mich und hebt mit keifender Stimme ihren riesigen Beutel, um ihn auf meinen ordentlich gekaemmten Scheitel zu befoerdern, was durch eingreifende Zeugen verhindert wird. Deshalb sind die also immer mindestens zu zweit unterwegs.

Statt eines Busses setzt mich meine Truppe in ein illegales Taxi. „Auch ein Bruder“, sagen sie und ich weiss nicht, ob mich das beruhigt. Der Lada springt erst nach fuenfmaligem Zuenden ueber die Kabel unter dem Lenkrad  an und durchquert die mir mittlerweile als vergleichsweise normale Welt erscheinende Roma-Siedlung.

Ich bin keine Zeugin, 4. Akt

Als ich aussteige, weiss ich sofort, was ich tun muss:  soviele Jehova-Vorschriften wie moeglich brechen. Ich durchwuehle meine Haare, zuende mir eine Zigarette an, beluege wahllos einen Verkaeufer („ja, ich bin Schwedin“) und begebe mich auf die Suche nach Trunkenheit und Rausch. Nein, ich bin keine Zeugin. Und wie der Wachturm in meine Tasche kommt, ist eine merkwuerdige Geschichte.

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