Der Blutrache-Krieg

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28. April 2009 von ostprobe

Es waren doch nur zwei Meter. Zwei Meter, die ueber Reichtum und Wohlstand entschieden haben. Ueber Freiheit und Gefangenschaft. Ueber Leben und Tod.

Auf unserer Reise treffen wir zwei Familien, die seit 17 Jahren eine blutige Fehde austragen, die Bardoshs (Weisse) und die Rrushis (Trauben). Ihre Steinhaeuser liegen kaum einen Steinwurf voneinander entfernt an einem steilen Hang unweit der Grenze zwischen Albanien und Kosovo.

Die Birnbaeume bluehen, dicke Hennen jagen ueber den Feldweg, Waesche trocknet in der Sonne. Es sieht nach Frieden aus, aber es herrscht Krieg. Fuenf Menschen haben bereits ihr Leben verloren, mehrere Dutzend leben jeden Tag in der Angst, dass ihres vorbei sein koennte.

Und das kam so: Als der Kommunismus zusammengebrochen ist und die kollektivierten Flaechen wieder in den Privateigentum ueberfuehrt wurden, brach ein Streit los. Wem gehoert das Land neben der Schule? Dort zwischen dem Holzzaun und den Lindenbaeumen. Als die Trauben begannen, sich ein Stueck davon zu nehmen, kam der Aelteste der Weissen den Berg hinunter, wollte reden. Und wurde erschossen. Seine Familie, die den Schuss gehoert hatte, zog vierzig Maenner zusammen und rannte mit Steinen in den Haenden auf den Acker. Drei weitere Weisse traenkten das Feld mit Blut. Auch ein Mitglied der Traubenbande wurde verletzt und starb spaeter.

Nach dem traditionellen Gesetzbuch, dem Kanun, der hier noch immer Gueltigkeit besitzt, muss jeder Mord mit einem Mord geraecht werden. Zuerst hofften die Weissen auf den Staat, der ueber die Traubentaeter die (damals noch moegliche) Todesstrafe verhaengt. Als das nicht passierte, packten auch sie die Maschinengewehre wieder aus. Seit dem leben die Trauben in Angst. Jederzeit koennte einer von oben, vom weissen Feind, abdruecken.
Dicke Eisentore und Betonmauern schuetzen seitdem ihr Grundstueck. Die Maenner verlassen die Haeuser nicht mehr und auch die Kinder werden nur bis zum 12. Lebensjahr in die Schule gelassen. Die jahrelange Isolation hat die Trauben auch wirtschaftlich immer mehr verarmen lassen. Waehrend die Kinder der Weissen mittlerweile angesehene Bankangestellte sind, bleibt den Trauben nur die Flucht ins Ausland. Einer der Cousins ist gerade zu Besuch, er arbeitet in London als Bauarbeiter.

Er will so gern vergessen, was passiert ist. Die vielen Toten, die Angst, die traurigen Kinderaugen. In England ist er zum Katholiken geworden, hat eine Familie gegruendet und ein neues Leben begonnen. Wegen zwei Metern.

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