Wie man in Tirana losfaehrt und in Amerika ankommt

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28. April 2009 von ostprobe

Irgendwann rauscht es nur noch. In scheinbar unendlicher Unregelmaessigkeit knattert, brummt und droehnt die Strassenkulisse Tirana und ergiesst sich im Ohr in ein rauschendes Geraeuschebad. Die etwa 1 Million Einwohner der albanischen Hauptstadt befinden sich offensichtlich allesamt auf den Strassen der Stadt, die Sonne scheint mild und trocknet die Strassen. Der dadurch entstehende Staub sichert unzaehligen Kleinunternehmern ein Auskommen, die in Garagen und Blechhuetten Autowaschanlagen betreiben.

Let’s go outside

An diesem Freitag morgen lasse ich den urbanen Zirkus hinter mir und breche auf in eine andere Welt. Die, der albanischen Amazonen. Zusammen mit dem Fotografen Christoph Busse und dem albanischen Guide Luci Lole steige ich in einen Jeep, an dessen Antenne ein ausgelaugter Luftballon mit Albanienflagge haengt. Aehnlich dynamisch ist auch dessen Innenleben, denn das Gefaehrt unbekannter chinesischer Herkunft quietscht und tuckert wie ein Schwerlasttransporter, bei steilen Anstiegen geht ihm aber doch schnell die Puste aus.
Mit jedem Kilometer mehr, den wir uns von Tirana entfernen, erhebt sich vor uns ein Bergpanorama, in dem sich hellgruene Wiesen zu dunkel bewaldeten Felswaenden steigern, ueber denen schneebedeckte Gipfel thronen. Bergziegen grasen am Strassenrand, an dem auch schwarzgekleidete Omas ihre einzige Kuh entlang fuehren, frisch geschlachtete Schafhaelften verkauft werden, Anhalter warten oder Kinder mit Plastikfolie Drachen spielen.
Wie in einem Roman des albanischen Nationalschriftstellers Ismail Kadare weckt der April hier eine unstillbare Freude am Werden. Aus den voellig begruenten Bergmassiven mit seiner Raum- und Zeitlosigkeit gibt es kein Entrinnen. Kein Buch, keine Musik, keine Unterhaltung kann sich dem Bann der Berge entgegenstellen.

Oder doch: der menschliche Gestaltungswille in form von einer gerade noch im Bau befindlichen Autobahn, die Albanien mit dem Rest des Balkans verbindet. An den Raendern des Mati-Flusses baggern Maschinen den Kies ab, der von Lastern ueber die holprigen Serpentinenstrassen zu den Baustellen befoerdert wird. Es ist das teuerste Projekt der derzeitigen Regierung unter Berisha. Und die Strasse der Hoffnung fuer die albanische Bevoelkerung, dass sich mit seiner Fertigstellung 2012 alles aendern werde.

Die gewaltigen Bruecken und Strassenaufschuettungen beeindrucken genauso wie die Ueberreste der (insgesamt etwa 700 000) bunker, die Enver Hoxha (gesprochen Hodscha) zu kommunistischen Zeiten ueber das ganze Land verstreute, um territorial Interessierte abzuwehren. Damals interessierte sich allerdings niemand fuer Albanien. „In zehn Jahren ist hier alles anders“, glaubt hier (wirklich!) jeder Albaner.

Vom Alpentraum zum Alptraum

So schoene Kurven!

Die etwa 170 Kilometer von Tirana bis nach Kukes, einer Stadt im Norden Albaniens, sind fast ausschliesslich ueber eine loechrige Piste erreichbar, die sich die Berge entlangschlaengelt. Duldsam umrunden wir Berg um Berg, verirren uns in steiniges Niemandsland bis die Sonne untergeht. Gerade noch willig von den Naturschoenheiten gefangen genommen, werden sie langsam zum kafkaesken Gefaengnistraum. Wir wollen ankommen! Egal in welcher zum Gaestehaus umfunktionierten Scheune oder plastikbestuhlten Kaffeebar mit angeschlossener Tankstelle. Hauptsache stillstehen nach neun Stunden Ruckel=Ride.

Als sich das entfernte Glitzern in der Dunkelheit in die Stadt Kukes materialisiert, weist uns ein hellerleuchtetes Haus den Weg. Es hat eine verglaste Skybar mit rot-blau-weissen Lichtern darin, die Zimmer haben Whirlpool und Seidendecken, die Tueren oeffnen automatisch und die Kellner tragen Fliege. Willkommen in der Schizophrenie, willkommen im Hotel Amerika.

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Ein Kommentar zu “Wie man in Tirana losfaehrt und in Amerika ankommt

  1. devid sagt:

    wiedermal – sehr schöner und informativer Bericht! Anscheinend haben die Albaner einen Zukunftswillen, der anderen Völkern fehlt.

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