Freunde fuer einen Tag

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2. Mai 2009 von ostprobe

Wir haben uns auf einem Seitenstrassen-Markt kennengelernt. Dort, wo alte Frauen aus dem Umland Salatblaetter wie Dollarnoten aufrollen und Maenner in Jogginghosen Nusshonig in Einweckglaesern feilbieten. Zugegeben, eine Schoenheit war er nicht gerade – die gebueckte Haltung, das struppige stumpfe Haar. Aber irgendetwas war da zwischen uns, dass uns beste Freunde fuer einen Tag werden liess.

Ich habe einige Menschen in Tirana vor ihm kennengelernt, die mir ihre Freundschaft geschenkt haben. Zum Beispiel drei Studenten aus Kosovo, mit denen ich im protzigen BMW bei lautem Elektropop die Boulevards der Stadt erobert habe. Oder die beiden alten Damen, mit denen ich ueber Koerpersprache eine Stunde im Stadtpark plauderte. Am Schluss schenkten sie mir Kuesse und einen Narzissenstrauss. Oder das Paar aus London, mit denen die Nacht zum Tag wurde, bis es wirklich Tag war.

Aber zwischen ihm und mir war mehr. Eine wortlose Verbindung. Ein unsichtbares Band. Vielleicht, weil wir beide Strassenhunde sind. Ich habe ihn Barthok getauft – wie die Strasse, in der ich wohne. Und er schien sich nicht daran zu stoeren. Wir verliessen den Markt in Richtung Osten, dorthin, wo es keine Sonnenbrillenverkaeufer und Geldwechselstuben mehr gibt. Ich erzaehlte Barthok, dass mein Rucksack gestohlen wurde. Er guckte mich wissend an und trabte los: einmal nach links, dann wieder rechts und stoppte bei einem Schneider. „Nein“, sagte ich, „das braucht man selbst in Albanien seit etwa 20 Jahren nicht mehr.“ Danach redeten wir nicht wieder ueber unser Alter.

Auf unsrem Weg zeigte er mir seine Stadt. Gut gefuellte silberne Muellcontainer standen dort auf dem Gehweg. Im glaslosen Schaufenster der Imbisse drehten sich ganze Haehnchen am Spiess. Barthok wuerdigte sie in meiner Anwesenheit keines Blickes. Ging ich in ein Second-Hand-Geschaeft, wartete er draussen, kratzte sich sein Fell, verschwand in Hinterhoefe und tauchte irgendwann wieder auf.

Unser exklusives Verhaeltnis fiel auf. Ein Alter mit Kugelbauch und Lachfalten kam auch mich zu und fragte, ob ich Fleisch in meiner Tasche haette. „Jo“, sagte ich und nickte mit dem Kopf, was in Albanien eine Verneinung ist. Als die Sonne langstam hinter den kunterbunt gestrichenen und Satellitenschuessel-verzierten Haeusern verschwand, ging ich in einen Imbiss, um Barthok und mir ein Wurstbaguette zu kaufen. Als ich wieder auf die Strasse trat, war er weg und tauchte nie wieder auf.
Es ging eben nicht um Fleisch, es ging um Freundschaft.

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4 Kommentare zu “Freunde fuer einen Tag

  1. Sebastian sagt:

    wunderschön geschrieben, toller Schluss, pfiffig – toll!
    Danke!

  2. staun&wunder sagt:

    Ja, lebt denn de olle Dauberdsche noch ?

    Mir fehlt richtig was, wenn man nix lesen kann.
    Schöne restliche Tage noch.
    Wir waren der 1. Mai und der 8. Mai ? Kennt man die?

    Ansonsten : Gute Heimreise .

  3. E. sagt:

    Eine liebenswerte kleine Geschichte, die einen schmunzeln lässt.
    In Deutschland warten aber auch schon viele Freunde auf dich, ob aber Hunde dabei sind, wage ich zu bezweifeln.
    Bring mir keine Flöhe mit!!!

  4. Andrea sagt:

    🙂 wie schön! sachen gibt’s…

    sonnige grüße aus mexiko
    andrea

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