Die Neuerfindung der Langsamkeit

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30. Mai 2009 von ostprobe

Die Reise hat eine neue Geschwindigkeit angenommen. Sie hat sich verlangsamt, sehr sogar. Nachdem ich zwei Tage ununterbrochen auf Rädern unterwegs war (Heimfahrt per Bus von Skopje – Belgrad – München – nach Frauenwald), steht alles einen Moment still. Keine Räder, keine Hupen, keine Geräusche. Nur: mein Wald, mein Garten. Und Schnecken.

Schnecken in freier Wildbahn

Sie sind schon seit Langem ein Ausdruck meiner Heimatverbundenheit. Wenn ich nach Hause komme, suche ich Weinbergschnecken wie Ostereier im Garten. Ihre hellbraunen kinderfaustgroßen Häuser ruhen sanft im Maigras. Manchmal bewegen sie sich auch in gedehnter Dynamik. Schon als Kind habe ich mich mit infantil übersteigerter Sorgfalt der Dokumentation unserer heimischen Schneckenpopulation gewidmet. Wie viele? Wo? Wer mit wem? Die Kreidetabelle auf der Gartenlaube beweist meinen Eifer bis heute.

Nachdem ich also gestern aus dem Herzen des Balkansturmes zurückgekehrt bin, sitze ich jetzt im grünen Herzen Deutschlands.
Die Sonne brennt mir einen rotbraunen Nasen-Wangenknochen-Gesichtsstreifen auf die Haut und ich spüre einen Schatten in mir aufsteigen. Der ewige Balkanrhythmus (after the sun comes the rain / from hero to zero /…) ist noch nicht überwunden. Es ist zu langweilig, es muss etwas geschehen. Mit Schnecken.

Schnecken in Knoblauch-Öl

Ich werfe sie in kochendes Wasser. Ihr Schleim färbt sich im Sud allmählich gelb bis er später mit Salz abgerieben wird. Mehrere heiße Stunden im Öl-Knoblauch-Weißwein-Bad und ich kann sie auf Toast genießen. Es ist ein ekliges Gefühl. Aber nicht auf der Zunge, sondern in der Hirnpartie , in die das Gewissen beißt.

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2 Kommentare zu “Die Neuerfindung der Langsamkeit

  1. staun&wunder sagt:

    Mörder !
    Überall Mörder in Thüringen!
    Die einen auf östereichischen Skipisten, die anderen in Gärtern, die eigentlich der Erholung, Entspannung und ev. noch der köperlichen Ertüchtigung dienen sollten.
    So, daß mußte erstmal gemeckert werden.

    Gratulation zur gesunden Heimkehr und vor allem zu den gelungenen Geschichtchen, waren köstlich, aber auch nachdenklich und lehrreich. Danke dafür und :
    Weiter so, auch im Juni, Juli und August, das wünsch ich mir.

  2. Yilmir Atatürk sagt:

    Liebe Nah-OST-Reisende,

    wenn ich mit den aktuellen News-feet anschaue, dann frage ich mich was das kleinere Übel eurer Reiseroute aktuell ist: Straßenschlachten und Ausnahmezustand nach den Wahlen im Iran oder die entführten und erschossenen Deutschen Geiseln im Jemen.

    Na wo solls zu erst hingehen fragt?
    sich der andere Teil des 60jährigen

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