Geld oder Leben

1

17. Juni 2009 von ostprobe

Auf einem Privatsender habe ich einmal eine Reisesendung gesehen, wo ein deutsches Paerchen auf Kuba ausgesetzt wurde. Einer sollte sich als Rucksacktourist auf Lower-than-Low-Niveau durchschlagen, die andere hatte ein unlimitiertes Big-Spender-Budget. Die wenig subtile Frage dahinter: Braucht man wirklich viel Geld fuer den perfekten Urlaub?

Christian und ich haben das Fernsehformat leicht abgewandelt und in Istanbul den Test gemacht. Zwei Tage haben wir auf dem Bosporus und dem Marmara-Meer nach dem perfekten Badeerlebnis gesucht – mal zum Billigtarif und mal mit dem Scheckbuch im Anschlag.

Versuch 1: Von Prinzen und Prioritaeten

Der erste Ausflug war eine Empfehlung erfahrener Istanbul-Kenner und der Name der Destination versprach ein exklusives Erlebnis fuer wenig Geld: Die Prinzen-Inseln liegen etwa eine Stunde Faehrfahrt von der Kueste entfernt und sollen angeblich vor allem von Einheimischen aufgesucht werden. Weil sie zudem nicht im Lonley Planet erwaehnt werden, sahen wir uns schon die rote Badehose an einsamen Buchten als Eroberungsbanner hissen.
Unsere Crusoe-Visionen wurden erstmals auf der Faehre in Frage gestellt, auf der dicht gedraengt Menschen mit gefaelschten Sonnenbrillen sassen, standen, hockten oder lagen. Wir fanden Platz auf einem Treppenabsatz mit Blick auf einen Hundekampf, in dem der Dackel dem Retriever deutlich ueberlegen war. Der Gedanke an ein Fluechtlingsboot stieg auf, wurde aber durch herumliegende Nescafe-Becher in den Bereich des Zynischen verwiesen.
Auf der dritten Prinzeninsel sprangen wir ab und landeten auf einer Kaffeehaus-und-Brezelstand-gesaeumten Flaniermeile, dahinter zogen sich Holzvillen aehnlich dem amerikanischen Countryhousestil die Haenge hoch. Viele schienen verlassen oder einfach verwahrlost.

Unser Traumstrand war eine kleine Bucht, in der sich bereits eine tuerkische Grossfamilie niedergelassen hatte, deren Kinder mit Stoecken tellergrosse Feuerquallen aus dem Wasser fischten, vor unserem Handtuch ablegen und steinigten. Wir versuchten uns am Lesen bis uns Hintern und Ruecken von dem Untergrund aus Kieseln, Scherben und zerbrochenen Muscheln schmerzten. Mit einem Pferdetaxi (Autos gibt es auf allen Inseln kaum) suchten wir nach anderen Buchten, sahen aber nur private Strandabschnitte mit Sitzsesseln und Liegematten in Knallfarben, die wir aus Prinzip meiden.
Den Rest des Tages verbrachten wir an einem einzigen Teeglas nippend am Hafen und warteten auf unser Fluechtlingsboot zurueck nach Istanbul.

Versuch 2: Vom Prassen und Platzen

Am zweiten Tag bestiegen wir wieder ein Boot, diesmal allerdings eine Yacht, die der Freund eines Freundes gechartert hatte. Zusammen mit drei oesterreichischen Boxenludern (eine Rothaarige, eine Blonde, eine Schwarze), drei stilsicheren Daenen, einem klugen Amerikaner, einer unterhaltsamen Belgierin und einer Handvoll staendig rauchender und kuessender Franzosen verteilten wir uns auf dem Sonnendeck.

Der Wind des Bosporus verknotete die Haare und liess die bunten Tuecher der Maedchen flattern. Wenn die Yacht in einer kleinen Bucht vor Anker ging, sprangen wir in das saltzige Wasser und juchzten international verstaendlich vor Freude. Angestellte brachten Kirschen und Melone, Einer koepfte deutschen Sekt, und wenn jemand Lust auf Muscheln verspuerte, wurden die direkt von einem Fischerboot gekauft. Zu lateinamerikanischer Musik wippte die Yacht ueber die Wellen des Bosporus und das Leben war so einfach.

Das Ergebnis

Aus dramaturgischen Gruenden wuerde ich normalerweise jetzt eine ueberraschende Wendung einfuehren: den Sonnenbrand, der mich die ganze Nacht hat leuchten lassen. Oder die Kurzfristigkeit der Bekanntschaften. Oder die Kalorienbilanz nach dem Abschlussessen in einem Spezialitaetenrestaurant. Aber ich sage es einfach wie es ist: Das Geld hat gewonnen. Zumindest dieses eine Mal.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Geld oder Leben

  1. staun&wunder sagt:

    Euch beiden die inniglichsten Grüße aus Kürbitz. Das Wochenende war wieder sehr schön.
    Es grüßen: Maritta & Helga, Julia & Petros, Martin & Thomas, Nina& Guni & Micha sowie Sigrid & Gustav
    Bei uns hatte der Geschmack vor den Pinunzen gesiegt, aber nun müssen erst mal wieder ein paar Kilo runter, nach solcher Völlerei.
    Euch weiter viele nette Erlebnisse— uns weiter nette geschichtchen Danke und alles Gute !!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: