Wie wir Kurden wurden

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24. Juni 2009 von ostprobe

die schoenste cocktailkirsche der welt: sonnenaufgang vom berg nemrut

Die Begegnung beginnt mit einem Abschied. Vier junge Tuerken in schwarzen T-Shirts stehen da jenseits des Busfensters und winken dem abfahrenden Langstreckenbus hinterher. Sie kloenen, geben stumme Zeichen und rudern winkend mit den Armen. Solche Momente, in denen sich zwischenmenschliche Verbundenheit so offen zeigt und sich die Sehnsucht in ritualisierte Gesten kleidet, loesen immer etwas bei mir aus. Mein Nicht-nur-Reisebegleiter Christian nennt es den Winkreflex, den er hochnotpeinlich findet.

Und auch diesmal wuerde er am liebsten zwischen meine unaufgeforderten Winkzeichen und den unvorbereiteten Tuerken vor dem Busfenster den Vorhang ziehen. Aber der Reflex ist schneller und wir sind Teil einer Verabschiedungszeremonie.

Eigentlich gilt sie Ilyas, einem 23-jaehrigen Studenten des Bauingenieurwesens. Von seiner Uni-Stadt Trabzon am Schwarzen Meer faehrt er zu seiner Familie in ein kleines Dorf mitten in den kurdischen Gebieten der Tuerkei. Er sitzt im Bus hinter uns, doch in den naechsten Tagen wird er viel in einem Wagen vor uns sitzen: Ilyas zeigt uns seine kurdische Welt.

dorfleben in kurdistan: die lieben nachbarn

Sie beginnt in einem kleinen Lehmhaus, vor dem eine einzelne Kuh ihr Heu kaut. Die staubigen Wege, die zu den Weizenfeldern hinausfuehren, sind von den Rinnsalen des nachbarlichen Waschwassers durchzogen. Ilyas Mutter traegt ihr Kopftuch locker mit dem Knoten nach hinten gebunden und richtet das Wohnzimmer fuer die Gaeste. Das besteht aus einem Raum, in dem Sitzkissen auf dem Boden liegen, deren teppichaehnliche Bezuege die Mutter einst selbst geknuepft hat. „Mein Vater war Tabakbauer und mein Bruder bestellt heute die Felder mit Weizen“, sagt Ilyas. Er selbst kommt nur noch zu Besuch und wird vermutlich nach dem Studium nach Frankreich gehen, wo schon eine seiner Schwestern lebt.

Eine andere wohnt nur wenige Kilometer entfernt am Stadtrand von Trabzon in einem Wohnblock mit zwei Satellitenschuesseln pro Balkon. Ihr Ehemann hatte versucht mit einem illegalen Schleuser nach Deutschland zu kommen, wurde aber an der Grenze von der Polizei geschnappt. Jetzt sitzt er im Plastikstuhl auf seinem Balkon mit Blick auf ein Polizeihotel, drei Kinder toben ringsherum, und sagt: „Ich wuerde immer noch gern nach Deutschland – zum Urlaub machen.“ Aber zum Geldsparen bleibt zu wenig uebrig.

Wir ziehen weiter zur naechsten Teepause zum mintgruenen Haus mit Garten, wo die Freunde von Ilyas wohnen. Eigentlich wollten wir sie nur in den Mietwagen einsammeln, landen nun aber doch in einem Stuhlkreis von Vater, Mutter, Geschwistern, Cousins, Hausvermieter, Frau und Kindern vom Hausvermieter, Nachbarskindern und zufaelligen Passanten. Wie Ilyas sind sie nicht nur Kurden, sondern auch Aleviten, einer konfessionellen Stroemung innerhalb des Islam. Sie machen eigentlich alles genauso wie andere Muslime auch, nur in die Moschee gehen sie nicht. (Und wenn man dem Buergermeister und Busfahrer von Ilyas Dorf vor Augen hat, sind 1 bis 15 Bier pro Tag auch okay. Die trinkt er kuehlschrankfrisch zusammen mit anderen Honorationen des Dorfes im einzigen Kraemerladen, der uebrigens auch ihm gehoert).

"15 Bier sind okay" (der Busfahrer)

Wir packen die Freunde ein, laden den Kofferraum mit Decken, Grillwaren und Bier voll und brechen auf in eine ungewoehnliche Nacht, die noch ungewoehnlich schoener enden sollte. Fast zwei Stunden fuhren wir zum hoechsten Berg Anatoliens, dem Berg Nemrut und wechselten und waehrenddessen mit der Intonierung tuerkischer und deutscher Volkslieder ab. Auf dem Berg angekommen, setzten wir das anatolische Starsearch fort, angereichert durch Tanzeinlagen, Gedichtvortraege, religioese Witze und Backgammon. Als es langsam hell wurde, begannen wir – berauscht vom Bier und unserer Begegnung – unser Barbeque. Im Hintergrund zog die Daemmerung den dunklen Vorhang von endlos honigfarbenen Huegeln, rissigen Felsen und maeandernden Seenlandschaften unter uns.

Nueschel vom Nemrut

Wir stiegen noch weiter aufwaerts bis zum Gipfel des Berges, wo ein Koenig der Commagenen sich selbst ein steinerndes Denkmal setzte, das aber von einem Erdbeben zerstoert wurde. Nur noch die etwa zwei Meter grossen Koepfe von Goettern und Koenigen sehen jeden Morgen wie die Sonne cocktailkirsch-rot gluehend aus den dunklen Bergkaemmen aufsteigt.
Es ist eines jener Naturschauspiele, die wegen ihrer perfekten Schoenheit unnatuerlich scheinen. Dabei zeigt gerade Nemrut, dass jeder menschliche Versuch, sich mit solcher Schoenheit zu messen, scheitert.

Von diesem weiteren Rausch beseelt, wagen wir den Abschied. Als wir spaeter am Bahnhof ankommen, steigen Christian und ich in den naechsten Bus in Richtung Syrien. Draussen stehen Ilyas und seine Freunde. Und wir winken.

die drei von der bushaltestelle

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