Anleitung zum Eintauchen in eine neue Welt

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28. Juni 2009 von ostprobe

Wo der Orient wirklich beginnt: Al Quamishli

SCHRITT 1: OHNE VISUM UEBER DIE GRENZE

Der weisse Minibus haelt auf einer staubigen Flaeche. Alle Insignien von Infrastruktur liegen weit zurueck (Kiosk mit Wasser, Asphaltstrasse, lesbare Schilder). Nur der Stacheldrahtzaun und kerzengerade junge Maenner in sandfarbenen Uniformen verraten, dass hier die tuerkisch-syrische Grenze sein muss. Ich binde mir ein Kopftuch um und hoffe damit, bei der Visa-Bewerbung zu punkten. Der weinrote Pass verschwindet durch einen Spalt im Zauntor auf die syrische Seite und wir suchen im Reisefuehrer nach einer beliebigen Hoteladresse, die wir als Zielort angeben muessen. „Married?“ fragt ein Grenzbeamter und wir halten unsere rechten Haende hoch, an denen silberne Ringe stecken, die wir auf dem Basar in Istanbul zum „Coca-Cola-Tarif“ gekauft haben. Das Gesicht des Beamten entspannt sich und er laechelt sogar, als er „Welcome to Syria“ sagt.
Er fuehrt uns in einen klimatisierten Raum, in dem ein cholerischer Militaer mit vernarbtem Gesicht sitzt und schreibt und stempelt und Untergebene anblafft. Wir versuchen ihm moeglichst deutlich die Namen unserer Eltern zu diktieren. Bei meinem Vater steht da jetzt in manchen Formularen „Hanz“, „Heins“ oder „Karlhans“. Er heisst aber Karl-Heinz.

SCHRITT 2: OHNE STADTPLAN IN DIE STADT

Nach den Buerokratiestrapazen lassen wir uns in den Schatten einer Grenzkontrollterasse plumpsen. Sofort bekommen wir ein kuehles Wasser in die Hand und ein Mobiltelefon an das Ohr gedrueckt. Irgendetwas mit „Mobilephoneshop“ und „Chai“ kommt da raus und ich sage einfach okay, weil ich keine Ahnung habe, worum es geht und was wir sonst eigentlich machen sollten.
Der Wasser-in-die-Hand-Druecker haelt einen Gurkenlaster im Kreisverkehr an, setzt uns  Zwei auf den Beifahrersitz und klettert selbst auf die Ladeflaeche. Drinnen fragt der Fahrer: „Na hallo, wo gommt ihr zwee denn her?“. Er hatte vor 40 Jahren in Dresden studiert und wir plaudern so lange bis der Gurkenlaster kraftlos tuckert und absaeuft. Aber bis zum „Mobilephoneshop“ und unserer neuen Familie ist es nicht mehr weit.

Humus-Boden

SCHRITT 3: OHNE SCHEU EINFACH MAL „JA“ SAGEN

In einem Einkaufscenter, in dem es nur „Mobilephoneshops“ gibt, wartet Isam. Er hat eine grosse Nase und schlechte Haut, aber was ihn wirklich charakterisiert sind ein grosses Herz und keinerlei schlechte Eigenschaften. Weil man das nicht sofort sieht, bleiben wir im Shop wegen der angenehmen Kuehle, der leichten Konversation und aufgrund mangelnder Optionen. Wir sagen den willkuerlich auf der Landkarte entdeckten Namen einer Stadt als Reiseziel, was von allen Anwesenden als absolut undenkbar eingestuft wird und uns mit furchtbaren Geschichten ueber Hyaenen, Skorpione, Wuestenklima, Oelbohrfelder und boese Menschen ausgeredet wird. Stattdessen sollten wir doch hier bleiben, uns zum Essen einladen lassen und ihre Familien kennenlernen. Wir wussten nicht, welche nie zuvor geschmeckten Koestlichkeiten wir (auf dem Boden im Kreis sitzend) serviert bekommen wuerden. Welche nie zuvor gesehenen Menschen uns ihren schoensten Schlafplatz auf dem Dach ihres Hauses ueberlassen wuerden. Und welche nie zuvor erlebte Waerme uns in dieser neuen Welt empfangen wuerde.
Aber wir sagten einfach mal ja.

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Ein Kommentar zu “Anleitung zum Eintauchen in eine neue Welt

  1. rick sagt:

    mumkin arwa masbuth?

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