Aus Christians Block: Verbotene Verse

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2. Juli 2009 von ostprobe

Syrische Strassenkunst: Graffiti des Praesidenten

Dieser Text ist gefaehrlich. Denn er berichtet von fiesen Militaers und einem orwell’schen Ueberwachungsstaat, der Texte wie diese am liebsten zensieren wuerde. Dieser Text ist auch ein Experiment. Vielleicht ist dieser Blog ja morgen schon in Syrien geblockt – so wie Facebook und Youtube es heute schon sind.

Der Polizeistaat

Leise fluesternd dreht sich Isam im Taxi zu uns herum: „Ich kann hier nicht mit auf den Busbahnhof. Ich darf nicht mit euch gesehen werden.“ In den letzten drei Tagen ist er ein guter Freund geworden und jetzt sollen wir uns nicht von ihm verabschieden koennen? Irritiert passieren wir den Polizeiposten am Eingang der Busstation. Der Beamte in wuestenfarbener Uniform blaettert interessiert unsere Stempel im Pass durch. Genauso wie der Ticketverkaeufer und spaeter im Bus auch der Kontrolleur. Keine Sekunde fuehlen wir uns frei. Isam musste uns ziehen lassen, weil Syrer sich suspekt machen, wenn sie in der Oeffentlichkeit mit Touristen gesehen werden.
Wie gut ist eine Demokratie, die Abschiede unmoeglich macht?

Der Ueberwachungsstaat

„Eure Ausweise, bitte“, sagt der Junge im Internetcafe in Aleppo. „Warum?“, fragen wir verduzt. Wir wollen nicht ausreisen, sonder nur fix unsere Mails ansehen. „Zu eurer Sicherheit“, sagt er. Waehrend wir Gruesse von Zuhause lesen, schreibt er unsere Daten in eine Liste, in der jeder Besucher registriert wird. Spaeter erfahren wir, dass die Regierung zurueckverfolgen kann, wer auf gesperrte Seiten zugreifen wollte und wer Kritik veroeffentlicht. Damit sie das auch in anonymen Internetcafes kann, muss sich jeder anmelden. (Youtube ist uebrigens gesperrt, weil sich im Angebot auch ein Video findet, in dem der Praesident als Esel bezeichnet wird). Aber auch beim Zugticket kaufen, im Hotel und am Busbahnhof werden wir registriert.
Wie gut ist eine Demokratie, die Angst vor der Kritik hat?

Der Zensurstaat

Er haengt in der Post, in Restaurants, in Schulen und Strassenlaternen: Praesident Baschar al-Assad. Den Sohn des frueheren Praesidenten Hafiz al-Assad findet man aber auch als Schablonengraffiti an Haeuserwaenden oder als Aufkleber auf Heckscheiben von Taxis. Viel hat sich seit seinem Amtsantritt vor neun Jahren verbessert. Das sagen alle, mit denen wir sprechen. Frauen muessen nicht mehr Kopftuch tragen, Strassen gleichen nicht mehr ueberall Mondlandschaften und der Oelschatz des Landes kommt nun zumindest zur Haelfte dem syrischen Volk zugute und nicht nur US-Firmen. Trotzdem darf man nicht offen ueber den Staatschef sprechen. Im Privaten sagte einer mal: „Jeder liebt den Praesidenten, auch die, die ihn nicht lieben.“ Das waere so, als ob in Deutschland jeder „freiwillig“ in der CDU waere.
Wie gut ist eine Demokratie, in der jeder den Praesident loben muss?

Erstaunlicherweise scheinen die Massnahmen die Syrer noch enger aneinander zu schweissen. Ihre Kraft richten sie nicht auf die Polis, sondern auf die eigene Scholle. Gastfreundlich und hilfsbereit begegnet uns jeder. Das ist fast schon unangenehm erscheint, diese Freundlichkeit stets anzunehmen. Irgendwie erinnert mich das an ein Land, in dem ich vor 20 Jahren mal gelebt habe. In der DDR waere dieser Text auch nie erschienen.

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2 Kommentare zu “Aus Christians Block: Verbotene Verse

  1. Andreas sagt:

    das klingt wirklich einschüchternd, wie ich finde. Aber das stimmt, vor 20Jahren war das hier doch ganz ähnlich. Und wie ist es In China? genau. Da kommt man gleich weg..

    Danke für deine Impressionen!

  2. gutwiegold sagt:

    Danke! Und mehr davon! Wenn es geht.

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