Schwarz-Weiss-Malereien

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2. Juli 2009 von ostprobe

Vier Tuerme und kein Halleluja: Moschee in Aleppo

Sie bemalten gerade den Bordstein als wir sie zum ersten Mal trafen. Eine Gruppe junger Syrer in weiten Hiphop-Klamotten strich im Schein der Strassenlaternen den Bordstein abwechselnd in schwarz und weiss. ‚Das sind bestimmt subversive Streetartists‘, dachten wir und griffen zu den Pinseln. Es war aber keine Kunstaktion, bei der wir da halfen, sondern ein Dienst fuer Allah. Die Jungs wollten den Bordstein rings um die Moschee aufhuebschen und zeigen, dass sie gute Muslime sind und Muslime gute Dinge tun.
Christian und ich guckten uns verstoert an. Die Moschee wurde erst vor etwa zehn Jahren in die Mitte des Christenviertels der Stadt Aleppo gebaut, ringsherum befinden sich die Gotteshaeuser von Armeniern, Katholiken und Orthodoxen. Die Minarette der Moschee ueberragen alle umstehenden Gebaeude und leuchten nachts in gruen, der Farbe des Propheten. Unsere westlich medial erzeugte Islamfurcht liess die Alarmglocken schrillen. „Aha, wir haben es hier wohl mit radikalen Muslimen zu tun, die die Grenze zwischen den Religionen ziehen und die eigene Herrlichkeit zelebrieren!“
Wir verabredeten uns mit ihnen auf eine Wasserpfeife.

Anders als erwartet, schmauchten wir die die „Nargile“ nicht auf Liegesofas mit orientalischen Mustern oder einer zur Terrorzelle umgebauten Koranschule, sondern auf dem Freisitz des Oriento – einem jender westlichen teuren Restaurants wie es sie in jeder europaeischen Grossstadt gibt. In diesem Viertel der Stadt gehen unverhuellte Highheel-Traegerinnen in Mango-und-Kookai-Laeden einkaufen. „Wir spazieren hier jeden Abend entlang um Freunde zu treffen und Maedchen abzuchecken“, sagte Emad, ein 2.04-grosser Basketballspieler. Zwischendrin holen sie sich Pepsi und Hamburger in Fastfood-Laeden. „Western Lifestyle…“, wollten wir schon wieder innerlich ettiketieren, aber dann erzaehlten sie uns ihre Geschichten: Einer hatte sich in eine Christin verliebt, war vier Jahre mit ihr zusammen und muss sich jetzt von ihr trennen, weil die Christeneltern nie einer Hochzeit zustimmen werden. Ein anderer liebt heimlich eine Drusin, die seine eigene Familie niemals akzeptieren wird. Er versucht sie als Freundin zu behalten, aber immer wenn sie anruft, erklinkt Witney Houstons „I will always love you“ als Klingelton.

Am naechsten Tag nahmen uns die Jungs mit zu einem Swimmingpool, in dem es eine eingebaute Bar gibt und viele oelig glaenzende Koerper auf den Plastikliegen am Rand. Wir tobten und sprangen und spritzten und tauchten und schnappten und jauchzten – wie man das mit Freunden im Schwimmbad eben so macht. Wir fuehlten uns mittlerweile so vertraut, dass es sich ganz normal anfuehlte. Allerdings nur fuer uns. „Es ist das erste Mal, dass ich mit einer Frau ins Schwimmbad gehe“, sagte Emad. Muslima gingen erst, wenn sie verlobt oder verheiratet sind mit einem Mann ins Wasser, und auch Christinnen naehmen sicherheitshalber ein ganzes Rudel eigener Freunde mit. Emad fluesterte das ganz verstohlen auf dem Weg zu den Kabinen. Gefuehle und Leidenschaft deufen hier nicht offen angesprochen geschweige denn ausgelebt werden, was dazu fuehrt, dass junge Maenner wie Emad zwar laufend im eigenen Kreis darueber reden und immer ein Kondom im Portemonnaie haben, die wirklichen Beduerfnisse aber unterdrueckt bleiben muessen.

Am Abend besuchten wir den heissesten Spot des Nahen Ostens“ wie der extra eingeflogene libanesische DJ ausdauernd ins Mikrofon ruft. Auf einer Dachterasse tanzen Menschen, die wie Erasmusstudenten aussehen, unter weissen Stoffzelten. Weissgekleidete Kellner tragen Sekt mit funkenspruehendem Feuerwerk im Kuehler ueber die Tanzflaeche. Ueber der Bar steht „It’s so clear“ und darueber der Name des Clubs in Leuchtbuchstaben vor dem Dunkel der Nacht: WHITE.
Aber auf solche Schwarz-Weiss-Malereien fallen wir nicht mehr rein.

Blaue Stunde auf der Party der Weissen

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