Im Champagnerglas der Schizophrenie

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20. Juli 2009 von ostprobe

koennte in jeder hafenstadt sein? ist aber die corniche in beirut

Weisst du, wie gut ein Dunkin Donut Apfel Zimt tut nach Wochen honigklebriger Blaetterteigrollen?

Weisst du, wie edel ein milchschaumgekroenter Latte Macchiato ist im Vergleich zu brockigem Nescafe-Anruehrkaffee?

Weisst du, wie befreiend ein dekolltiertes Sommerkleid ist nach Monaten der Zwangsbedeckung?

Weisst du, wie prickelnd der Rohrzucker eines Mohitos schmeckt, den du durch einen Strohhalm ziehst, statt mit faltigen Alten schwarzen Tee aus Glaesern zu nuckeln?

Weisst du, wie gut ein bisschen Westen im Osten tut?

Wir sind in Beirut, der Hauptstadt des Libanon. Und des Nahen Ostens. Und eigentlich auch der Welt, so man den bunten englischsprachigen Plakaten in der Stadt glauben mag. Wenn ein Ort den Titel „it-place“ verdient hat, dann ist es wohl Beirut. Jeder Tag ist hier eine einzige Feier der Konsumlust, wie sie von Muenchen oder New York nicht besser haette ausgerichtet werden koennen. Mit teuren Beachclubs an den Straenden der Stadt, Sushi-Bars und Parkplaetzen, auf denen Mercedes wegen Popligkeit nicht parken duerfen. Die Beirutis mit ihren perfekten Frisuren, Beinen, Designerklamotten, Taschen erinnern ein bisschen an einen BWL-Kongress. Aber irgendwie sind sie das ja auch, denn Geld verdienen und Geld ausgeben hat hier oberste Prioritaet.

Wir sitzen auf einem neugebauten Platz, in dessen Mitte ein Rolex-Uhrenturm steht, und schlecken ein Haegen Dasz (was man hier zwar kaufen, aber mit der Tastatur nicht richtig schreiben kann). Am Abend zuvor haben wir uns von Elektro-Club zu Elektro-Club gehoppt, deren Tuersteher Steroidriesen und deren Eintrittspreise eine Unverschaemtheit waren. Davor gab es frischen Fisch mit Sonnenuntergangskitsch am Meer, davor Seilbahnfahren ueber die Swimmingpools der Villenbesitzer, davor Ausstellung angucken in einem malerischen Bergdorf unweit der Hauptstadt, wo es auch einen Biomarkt mit Organic-Fladenbrotrolle gab und davor Karamellpopcorn essen in einem Blockbuster-Kino. Und wir haetten uns wohl noch lange in diesem riesigen Champagnerglas der Westlichkeit aalen koennen, das so schoen hat geprickelt auf unserer Ossiseele – waere da nicht Ali gewesen.

Ali ist ein etwas mopsiger Beiruti mit dichten Krauselhaaren und einer Sprache, die staendig zwischen Arabisch, Franzoesisch und Englisch changiert. In seiner Wohnung haengen Poster von Che Guevara, Malcom X und Yassir Arafat, manchmal aber auch nur kunstvoll drapierte Pali-Tuecher. Wir wohnen bei ihm, weil eine oesterreichische Freundin uns in die WG geladen hat. Und jetzt sind wir permanent darauf bedacht, nicht das Wort Israel in den Mund zu nehmen. Denn Ali ist ein radikaler Linker. Er schreibt Gedichte und verdient sein Geld bei einer Umweltorganisation. Seine Freunde sind Rapper, Sprayer, Kuenstler – aber immer mit einer klaren Position:  Palaestina den Palaestinensern. Man kann nur schwer mit ihm darueber diskutieren, weil es fuer ihn da nichts zu diskutieren gibt.

Ali faehrt mit uns in den Sueden der Stadt nach Doha dort, wo Israel 2006 am meisten zerstoert hat und heute die Hisbollah das komplette Viertel kontrolliert. Eigentlich darf er da gar nicht rein, sagt Ali, aber so lange man die Hisbollah- Miliz nicht fotografiert oder sonstwie Aufmerksamkeit erregt, geht es schon. Wir sehen zerbombte Bruecken und scharfe Panzer am Strassenrand. Und dazwischen immer wieder die goldgelben Parteiflaggen mit gruenen Gewehrlaeufen darauf. „Wir sind im Krieg“, sagt Ali und uns kommen der Rolex-Turm und das Haegen Dasz in den Sinn.

Weisst du, wie schizophren ein bisschen Westen im Osten ist?

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2 Kommentare zu “Im Champagnerglas der Schizophrenie

  1. mm sagt:

    Unbedingt in die Rue Monot gehen – die Reeperbahn des Nahen Ostens. Un dort in die Bar »1975«. Betritt man den Club, traut man seinen Augen kaum: Sandsäcke und Stacheldraht trennen die Tische voneinander, die Wände sind mit Einschusslöchern besprenkelt, von den Wänden seilen sich Puppen mit Sturmhauben und Sprengstoffgürteln ab.

  2. fuchsmuddi sagt:

    Ach Greta, soooo schön kann kaum jemand seie Reise-Empfingungen in Worte setzen.
    Jetzt mal offiziellen dicken lieben Dank für die regelmäßigen literarischen Lesezeichen Eurer Reise.

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