Ein Hoch auf den Wuesten Sozialismus

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17. August 2009 von ostprobe

sozialismus in der pool-position. im kibbutz samar

Als Moses vom Berg Nebo ins Tal blickte und die letzte Unterhaltung seines Lebens mit Gott hatte, sah er vor allem Steine, Wueste, Felsen, karges Land. Das sieht von weitem zwar beeindruckend aus, es gibt aber sicher lebensfreundlichere Plaetze. Im Englischen heisst es deshalb ja auch nur das „versprochene Land“ (Promised Land). Die Deutschen attributieren es dagegen gleich als „Gelobtes Land“. Warum soll ma die Oednis da unten denn loben?

Wir brechen auf nach Israel ohne besondere Schnellkraft, die – selbst wenn wir sie aufbraechten – uns bei den beruechtigten Sicherheitskontrollen sowieso wieder genommen worden waere. Vom Abfragen-bis-zur-Grosseltern-Generation, Abtasten und Rucksack-Auseinander-Nehmen wollen wir am liebsten weitere Menschenansammlungen meiden und lassen uns vom Busfahrer an dem ersten Kibbutz absetzen. Ringsherum nur Sand und Dattelpalmenplantagen. Ruhe. Hitze.
Ein Pickup haelt neben uns und die tiefe Stimme einer schoenen Landarbeiterin laed uns ein. Erst in das Auto, dann in den Kibbutz, dann in ihr Leben.

Der Kibbutz Samar unweit der jordanischen Grenze, ist einer der wenigen uebriggebliebenen sozialistischen Kibbutze in Israel. Es gibt dort kein Geld, sondern eine Kuehlkammer, die immer prall gefuellt mit frischen Fruechten ist. Und einen runden Speisesaal, in dem mittags und abends gemeinsam gegessen wird. Und eine Kleiderkammer statt Markenlaeden, und gemeinsame Autos und Spielplaetze und eine Bibliothek und einen Pool! Die Rasenflaechen sind perfekt kurz geschnitten, Blumen und Palmen wachsen in den Wuestenhimmel und die Haeuser sind kugelrunde oder quadratische Bungalows. Es erinnert an einen Golfclub und an Schlumpfhausen.

Wir bekommen einen eigenen Bungalow, weil Agar – die schoene Landarbeiterin – uns offiziell als ihre Gaeste adoptiert hat. Da in den Bungalows nebenan viele auslaendische Freiwillige wohnen, nennen die Kibbutzbewohner die Ecke dort „Ghetto“, was aus juedischem Mund etwas irritierend ist. Es fuehlt sich ausserdem gar nicht wie ein Ghetto an: in der Nachbarschaft kann man naemlich entweder von einer auf freier Flaeche stehenden Couchgarnitur den Mond hinter den Bergen aufsteigen sehen oder zu einer Pizzaparty von einem ehemaligen italienischen Maffioso gehen oder in einer Haengematte eine Noblesse rauchen.

Jetzt koennte sich der eine oder andere Leser zu Recht fragen, ob wir das denn eigentlich verdient haben – so viel Glueck, so viel Sonne, so viel Pool. Und dem Leser koennen wir sagen: Ja, haben wir. Und zwar mit harter einfacher Arbeit. Gemuesschnippeln ab morgens um sechs, regelmaessiges Kuechenjacuzzi beim Toepfe-Duschen oder Sortieren am laufenden Band an der Geschirrspuelmaschine. An guten Tagen sind wir danach auf die Dattelplantage mitgekommen und haben die Palmenfruechte von einer dreissig Meter hohen Palme geholt – von einem Hebekran aus. Auf der Kuhfarm, die aber eher nach Industrie aussieht, waren wir auch. Da haben dann komischerweise immer die Kuehe, denen wir beim Kalben zugeguckt haben, Zwillinge bekommen – was sehr selten ist. Das hat zu einigen Verwirrungen in der Buchfuehrung gefuehrt, weswegen wir dort jedenfalls keine Arbeit gefunden, dafuer aber tierische Namenspaten haben.

Ab spaestens um eins nachmittags endet alle Arbeit in Samar und Eltern spielen mit ihren Kindern, Maenner bauen an ihren Schlumpfenhaeusern weiter, manche schreiben Buecher oder meditieren oder halten einfach Siesta. Zeit und Geld spielen keine Rolle in Samar, weswegen selbst die Einwohner zugeben, in einer „Blase“ zu leben. Dass sie nicht wie so viele andere Kommunen in der Welt geplatzt ist, liegt sicher auch daran, dass der Staat Israel den Kibbutz zu gut einem Drittel finanziert und so die grenznahe Wueste besiedelt und die Beduinen fern haelt.

Um die Finanzierung von Samar zu rechtfertigen, eignet sich der Begriff des „Promised Land“ gut. Um zu beschreiben, wie sich ein Tag dort anfuehlt, reicht er aber nicht. Oase oder Paradies waeren geeignet. „Gelobtes Land“ passt noch besser.
Spaestens nach diesem lobenden Text.

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4 Kommentare zu “Ein Hoch auf den Wuesten Sozialismus

  1. staun&wunder sagt:

    Da sich für den derzeit so hindümpelnden Wahlkampf im “ Gelobten Land D “ wohl nicht so die richtigen; wichtigen Schlußfolgerungen aus Eurem Kibutz ableiten lassen, laßt es Euch einfach weiter gut gehen.
    Und ein wenig Betätigung ist ja auch zum Ausklang der langer Tour eine gute Vorbereitung auf das ( hoffent lich nicht) triste Leben in der Heimat im Herbst.

    Fangt doch bitte den Geschmack frischer, selbst gernteter Datteln und anderer Köstlichkeiten ein.

  2. E. sagt:

    Damit ist die Hoffnung auf das Paradies nach dem Tod schon im Jetzt möglich. Wie wunderbar für euch, diesen Ort (fast) letztendlich auf eurer Reise gefunden zu haben.
    Die vergleichende Beschreibung ist mal wieder so köstlich wie frische Datteln!
    Dank dem Herrn aus Köln werde ich wohl auch bald in den Genuss kommen, noch viel mehr von eurer Reise im privaten Kreis zu erfahren!!

  3. rick sagt:

    ifshar biera? le chaim chavariem!!!

  4. Andreas sagt:

    da,wieder etwas gelernt!
    Kibbutz kannte ich noch nicht.

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