Die größte Sünde, und dann gleich dreimal

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5. Januar 2010 von ostprobe

„Es gibt nur eine Sünde: Und das ist Stehlen!“
Ich habe diesen Satz nicht ganz verstanden als ich ihn das erste Mal gehört habe. Er stammt aus dem afghanischen Buch „Drachenläufer“, in dem sich alles um große Begriffe wie Ehre, Stolz, Freundschaft, Mord und Schuld geht. Ausgerechnet der Diebstahl dort das schlimmste aller Vergehen?

Die gestohlene Zeit

Wir sind in Tanger, einer marokkanischen Hafenstadt im Norden des Landes. Die spanische Küste lässt sich hier mit bloßem Auge erkennen. Jeden Tag legen von hier Schiffe ab, die in einer halben Stunde in einer neuen Welt anlegen. Dementsprechend präsent sind hier Grenzerfahrungen. Die ganze Stadt mit ihren verschlungenen Gassen in der Medina, ihren ausladenden Strandboulevards und belebten Flaniermeilen ist durchdrungen von Grenzwertigem. Es ist quirlig, aber langsam. Warm, aber stürmisch. Gut, aber durchtrieben.
Am Eingang der Altstadt wartet ein 42-jähriger Mann mit Schnurrbart und schwarzem Trainingsanzug. Ungefragt und unbeachtet läuft er mit uns, erzählt , wer in welchen Häusern lebt oder lebte. „Der Palast gehört dem Besitzer von Renault, dort lebte Paul Bowles, hier ist ein Gefängnis.“
Wir versuchten ihn wegzuschicken, zu ignorieren, zu flüchten. Doch er blieb hartnäckig an unserer Seite. Also ließen wir uns ein. Sollte er uns doch sein Programm zeigen. Es beinhaltete einen Berberladen mit Kamelledertaschen und Teppichen, eine Apotheke mit duftenden Pulvern, Cremes und Ölen, ein kleines Café, in dem schon Keith Richard das Leben zu genießen wusste, diverse Aussichtspunkte, seine eigene Terasse mit Pfefferminztee und sonstiger typisch marokkanischer Versorgung. Wir gaben ihm dafür ein üppiges Trinkgeld, eingewickelt in goldenes Papier, als wir mit ihm da oben h och über den Dächern von Tanger saßen. Es war ihm nicht genug. Später gaben wir ihm mehr – und fühlten uns irgendwie um die Zeit betrogen, die plötzlich so zähl- und zahlbar gemacht wurde.

Die gestohlenen Erinnerungen

Am nächsten Tag wollten wir frei bleiben. Allein den Takt der Stadt erleben. Faule Katzen beobachten, das erste Independant-Kino Afrikas finden, frische Mandarinen kaufen auf einem kleinen Straßenmarkt kaufen. Dort saßen dicke Frauen in gewickelten Tuchkleidern mit Strohhüten auf dem Kopf, auf denen lustige Bommeln angenäht waren. Wir machten Fotos und freuten uns der Dinge. Ein kleiner Schubser, ein Drängeln und dann waren die Dinge ganz anders: der Fotoapparat, er war weg. Hilflos suchten wir die gedängte Masse aus Grünzeug, Kutten und Bommeln ab. Aber unsere Hoffnung war verschwunden – wie auch die digitalen Erinnerungen.
Auf einem Polizeirevier, einem inoffiziellen wohl, legte uns ein Beamter einen dicken Stapel Fotos vor die Nase. Bild für Bild waren da Jungs und Männer, verschlagene Blicke oder sympathisches Lachen, blaue Flecken und schwarze Augen. Ein Kaleidoskop der Schicksale, ein Bilderbuch des Verbrechens, das kriminelle Gesicht der Stadt. Wir erkannten zwar niemanden, fühlten uns aber irgendwie gewarnt. Allerdings nicht genug.

Das gestohlene Vertrauen

Wir trafen uns mit einigen jungen Künstlern, die wir am Vorabend im legendären Tanger Inn kennengelernt haben – einem Club, in dem sich vor fünfzig Jahren die Schriftsteller der Beatbewegung schon wilden Nächten hingegeben haben. Und auch heute noch zieht der Ort Menschen an, die woanders nicht richtig dazugehören. Schwule, Künstler, Fremde. Die Jungs wollten uns weiter mitnehmen in ihr marokkanisches Künsterleben. Sie zeigten uns ihre Treffpunkte, wo es die beste Linsensuppe gibt, wie man auf einer DAchterasse mit Kerzen und Wodka die Nacht zelebriert und in welchen Clubs Männer und Prostituierte  das Gleiche tun. Alles war aufregend und intensiv. Wir verabschiedeten uns früh am Morgen mit großer Geste und bogen in die Straße ein, die zu unserem Beatnik-Hotel zurückführen sollte. Es waren nur wenige hundert Meter verwinkelter Route, aber der Aufstieg war steil und der Alkohol zerrte an den Gliedern. Zwei Gestalten bogen ebenfalls in die Gasse. Sie beschleunigten ihre Schritte immer mehr. Fast waren sie gleichauf, als ich mich umdrehte. Die größere Gestalt löste sich aus der Dunkelheit und packte Christian, drückte ihn an eine Hauswand, riss an ihm herum. Ich hörte mich die Namen unserer Freunde rufen und meine rennenden Schritte den Berg hinunter. Ich sah zu Hilfe eilende Männer angerannt kommen und die Gestalten ablassen. Sie hatten es nicht geschafft uns etwas abzunehmen. Und trotzdem etwas zu stehlen: unser Vertrauen.

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4 Kommentare zu “Die größte Sünde, und dann gleich dreimal

  1. Andreas sagt:

    Du schreibst wieder!

    Allerdings furchtbares . Da warst du schon so viel unterwegs und dort erlebst du sowas furchtbares.

    Dennoch weiterhin viel Glück und Freude!

    Andreas

  2. fuchsmuddi sagt:

    Ohohoh,
    währrrrd Ihr doch in Düsseldorf geblieben …
    (aber da gibt´s vermutlich auch finstere Gestalten)

    Und das Schlimme: Ihr habt den Farbfilm verloren, bei meiner Seel – nach Nina Hagen ward Ihr garnicht da. Nun werden wir Daheimgebliebenen nie sehen, wie lustig die Bommeln waren.

  3. staun&wunder sagt:

    Hallöchen, Ihr traveler,

    hat es den Anschein, daß Ihr die Welt bereist um weiter
    “ Bedürftige“ mit Fotokameras zu versorgen oder irrt da der Leser?
    Ist ja großartig, aber so nach dem Zufallsprinzip?- solltet Ihr nochmal drüber nachdenken.
    Story ist wieder gut, habe ja schon Monate lang wieder auf ein Zeichen “ aus aller Welt“ von Gretchen & Fix gelauert-DANKE und dacapo!

  4. high meine daherwehende fee,

    jaja, andere welten andere gefahren. mein freund ist marokkoexperte und bringt demnächst ein umfangreiches buch über marokko heraus, allerdings schwerpunktmäßig fotografie, er ist leidenschaftlicher fotograf und hat auch sein examen über marokko gemacht, ist allerdings lange lange her. ich glaube unter „eberhard hahne“ müßte was im internet stehen. ich war noch nie in marokko obwohl ich schon des öfteren eingeladen worden bin, sowie auch nach indien, das sind nicht so meine länder. ich wüßte überhaupt nicht was mein land wäre, vielleicht als stadt-new york oder london, barcelona finde ich auch cool, „sitges“ ein vorort von barcelona ein muss dort mal gewesen zu sein. ein fischerdorf voller junger creativer menschen, mit dem ältesten katalanischen bungalow, wo einst matisse, picasso und all die anderen ihre feste feierten. und ich bin der künstler aus köln, der in leipzig…..grüsse. und lass was von dir hören. für mich kam die ausstellung sehr positiv. heinz-josef mess

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