Ein irrer Schatz

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3. April 2010 von ostprobe

Manche sagen, das ist verrueckt. Jeden Morgen nach dem Aufstehen da hoch zu klettern. Vorbeizuhasten an den Burekstuben und den Souvenirlaeden, den Pfad zwischen den blassen Wiesen einzuschlagen und sich den steilen Hang nach oben zu quaelen. Um auf einer Pyramide zu sitzen, die vielleicht doch nur ein Huegel ist.

Malik sagt, es sei seine Pyramide – die Sonnenpyramide in der bosnischen Stadt Visoko. Er hat sie schon so oft auf winzige Stuecke Papier gemalt wie sonst kein anderer. Meistens noch mit ein paar Blumen daneben. Die mag er naemlich auch sehr gern.
„Ich bin ein Kunstmann“, sagt er, juckt sich hetisch an der Nase und lacht hysterisch gluecklich. „Und Schauspieler und Touristenfuehrer bin ich auch.“ Eigentlich geht der 17-Jaehrige noch zur Schule. Aber dort sind seine selbst erkannten Talente wenig gefragt. Anders als bei den Touristen.

„Die sagen zu mir: ‚Malik, du bist ein interessanter Mensch.‘ Und Touristen sind ja auch so interessant.“ Malik fuehrt die interessanten Menschen dann zu seinen Lieblingsplaetzen. In das kleine Café mit den vielen Bildern an den Waenden. Oder zur aeltesten Moschee der Stadt. Oder zu den grossen Baeumen mit den kahlen Aesten und den weissen Blueten. Er freut sich, wenn sie sich freuen.
Denn die Touristen haben Visoko veraendert. Und ihn.

Malik ist waehrend des Kriegs geboren. Er hat seine Stadt und sein Land noch nie verlassen, weil es dafuer weder Geld noch Visa gibt. Seine ganze Kindheit verbrachte er in dieser kleinen 10 000-Seelen-Gemeinde, in die sich keiner verirrte. Bis Semir Osmanagic kam.

Der bosnische Indiana Jones verkuendete dank selbst erkannter archaelogischer Fachkenntnis, dass unter einem dreieckigen Riesenhuegel die groesse Pyramide der Welt schlummere. Und buddelte mit einem Team Ueberzeugter los. Mittlerweile hat er in Visoko ein ganzes Tal der Pyramiden ausgemacht, deren Existenz zwar noch nicht stichhaltig bewiesen ist. Aber schon jede Menge Touristen anlockt.

Auf die wartet Malik hoch oben auf dem Plateau der Pyramide. Dann wird er mit ihnen sein Englisch ueben. Wenn es nicht reicht, sein schauspielerisches Talent einsetzen. Ihnen ein kleines Bildchen von seinem Bild der verborgenen Pyramide malen. Und niemand unten in Visoko wird ihn mehr verrueckt nennen. Nicht in einer Stadt, in der die Bewohner glauben, die groesste Pyramide der Welt gefunden zu haben.

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