Die Wolke

Hinterlasse einen Kommentar

26. April 2010 von ostprobe

Ein Vulkan? Ausgebrochen?
Eine Wolke? Ausgebreitet über ganz Europa?
Die Flughäfen? Im Ausnahmezustand?

Es ist mein letzter Tag in Skopje. die Sachen sind gepackt und das Ticket zurechtgelegt als ich vom zentraleuropäischen Klimaphänomen erfahre. Nichts geht mehr in Sachen Luftfahrt – und ich brauche erstmal frische Luft. Der Regen hat seit Tagen nicht ausgesetzt, aber in den engen Gassen der Altstadt geht das Leben in gewohnter mäßiger Geschäftigkeit seinen Gang. Ohne Plan und ohne Ahnung, wo ein Solcher herkommen soll, wandere ich durch den Basar, durch den mich immer der Zufall führt. Und das Schicksal offenbar das Ziel bestimmt.

Diesmal taucht es in Form einer zarten, jungen Frau mit rauer Stimme und assymmetrischer Frisur auf. Rina spaziert mit einem alten Bekannten von mir über das nasse Pflaster, auf ihren Schultern hat sie einen Rucksack geschultert. Sie will heute noch nach Pristina – dorthin, wo ich wegen meines Fluges auch hin sollte. Bei einem Tee erzähle ich ihr, dass ich fürchte, dort stecken zu bleiben. Da guckt sie mich ratlos an und sagt: „Es gibt Schlimmeres.“

Und so öffnet sich eine neue Tür – nämlich die ihres Freundes Leo in der kosovarischen Hauptstadt Pristina. Dort steht schon ein Holzfass mit Cognac bereit, weitere Freunde des Hauses trudeln ein und lassen sich zwischen Laptops, Iphone, moderner Couch und Goldfischglas nieder. Nicht nur ihre Wohnung erinnert an Berliner Bourgois Bohème, sie und ihre Freunde gehören auch zu einer überschaubaren Avantgarde. Rina studiert Produktdesign, organisiert Dokumentarfilmfestival und war bis vor kurzem noch Besitzerin der ersten Raki-Bar in Pristina. Ihr Freund Leo ist Banker und Restaurantbesitzer. Der Freundeskreis der beiden besteht aus Fotografen, Künstlern, DJ’s, Schauspielern und Journalisten.

Die Gruppe bricht auf in die kosovarische Freitagnacht, macht Station in einer winzigen Bar, wo der Besitzer den Schnaps mit ihnen am Tisch leert. Der dabei entstehende Bewegungsdrang, wird später in einem versteckten Hinterhofclub abgebaut. Eng an eng wackeln dort Mädchen in winzigen Kleidern und gerahmten Nerd-Brillen mit den Hintern, die Jungs mit Lockenkopf oder exzentrischen Hüten machen dabei gern mit. Es wird viel geraucht – hier ist das Rauchen in Lokalitäten eher erwünscht als verboten -, viel Erquickliches aus Plastikbechern geleert und von Kreditkarten gezogen. Das Fetenvolk ist neugierig und offen, aber nie aufdringlich. Jeder hat noch ein Bett, ein Zimmer oder eine ganze Etage, die im Falle einer Wolkennotsituation dem Fremdling offen stünde.

Ein letzter Lokalitätenwechsel. In einem ehemaligen Kaufhaus und späteren UNMIK-Stützpunkt unterhalb des zentralen Grandhotels versteckt sich hinter einem Parkdeck das „Undergrand“, ein Club für den innersten Zirkel. Dort ist die Bar und der DJ-Pult mittlerweile der Allgemeinheit zugänglich, die zwar nur aus 30 Leuten besteht, dafür aber umso härter durchzieht. Liquids und Liqueure jeder Art bilden einen knalligen Cocktail, der in jeder Vene mit dem Beat der Musik schwingt. Eskalation Alarmstufe Rot.

Draußen ist es schon wieder taghell, die ersten Hauptstädter gehen schon im Park joggen, als plötzlich der Heimflug wieder ins Bewusstsein rückt. Und die Wolke, die plötzlich gar nicht mehr so bedrohlich über meinem Balkanaufenthalt steht. „Ich wünsche mir fast, dass der Flug abgesagt wird“, sage ich zu Rina. Da umarmt sie mich mit großer Geste und sagt: „I love that cloud!“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: