Die Schlüsselfrage

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16. Mai 2012 von ostprobe


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Als wir den überdimensionalen Schlüssel am Wegesrand sehen, sind wir bereits klitschnass. Vor Angst. Zwei Stunden fahren wir schon in einem alten, vom Wüstensand verstaubten Honda auf israelischen Schnellstraßen Richtung Westbank. Die Landschaft jenseits der Fensterscheiben wird immer einsamer, karger, brauner. Ein Kamel steht am Straßenrand, dann tauchen Beduinenzelte auf, dann Checkpoints. Wir wollen in die älteste Stadt der Welt: Jericho. Die 10 000-Jährige liegt im A-Sektor der Palästinensergebiete. Das heißt, dort dürfen nur Palästinenser hinein, auf keinen Fall Israelis.

Wir waren mit einem Bekannten aus Tel Aviv unterwegs. Arabische Familiengeschichte. Dunkler Teint. Aber Jude. Als Journalist versucht Adi häufig auch in die Gebiete jenseits der Mauern und Stacheldrähte zu reisen. In Jericho war er noch nie. „Ich hoffe, dass es einen Zugang zur Stadt 0hne Checkpoint gibt“, sagt er uns als wir durch die Hitze der Wüste fahren. „Und dass ich nicht von der Polizei oder dem israelischen Militär aufgegriffen werde. Das könnte sehr unangenehm werden.“ Am Wegesrand kurz vor den Toren von Jericho warnt ein rotes Schild, dass jeder Isreaeli, der sich jenseits dessen befindet, eine schwere Straftat begehe. 800 Euro Strafe seien das Mindeste, sagt Adi. Uns wird immer heißer.

Rein ins Flüchtlingscamp

Wir steuern den ersten Checkpoint an – keine Chance. Wir suchen den zweiten Zugang – wieder ist die Straße mit Schlagbäumen gesperrt, junge Männer und Frauen in israelischen Militäruniformen schauen wartend auf den sich nähernden Honda. Beim dritten Anlauf biegen wir vor den Augen der Soldaten in eine unbefestigte Straße ein, die in ein Flüchtlingscamp führt. Links und rechts versperren unverputzte Ziegelmauern den Blick auf die bereits seit 1948 zwangsweise provisorischen Unterkünfte. Ein Esel mümmelt an einem verdorrten Strauch. Die Straße entwickelt sich zum Krater. Der Honda ächzt gefährlich bei jeder Bodenwelle – und dann sind wir drin, im Arabischen.

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Aus den Lautsprechern der Moscheen ruft der Muezzin zum Mittagsgebet, Falafelbällchen zischen im Fett, kleine Mädchen in Schuluniform kichern und winken, es wird mehr gehupt als gebremst, Männer sitzen im Schatten ihrer Läden, mustern die fremden Besucher unverhohlen neugierig und grüßen immer wieder mit „Welcome“. Es könnte eine fast wohlige Vertrautheit des Exotischen sein, wenn da nicht überall der Konflikt, der Hass, die Konfrontation mit dabei wären.

Wir kaufen uns ein simples Wassereis in einem winzigen Geschäft, dessen Besitzer sein „Hertha BSC“ und „Bayern München“ an uns ausprobiert als wir auf Nachfrage unsere Herkunft verraten. Adi mustert er skeptisch, versucht ihn auf auf Arabisch anzureden. Der bleibt einsilbig, vermeidet Blickkontakt und versucht dem üblichen Geplänkel aus „Woher, wie lange, wie gefällt’s“ zu entgehen. Die Wahrheit ist gefährlich.

Fäuste über Stacheldraht

Auf einem zentralen Platz, den geräuschvoll Autos in improvisierten Spuren umrunden, lassen wir uns in den Schatten plumpsen. Direkt neben uns steht das Tourismusbüro, eine Palme, ein Polizist und dahinter ein leeres jurtenähnliches Zelt. Es soll an alle von Israel gefangenen gehaltenen Menschen stehen und sagen: Wir warten auf euch – egal wie lange es dauert. Rings um uns hängen Plakate der PLO, die Kinder in Ketten und mit Verbänden um den Kopf zeigen, einen Fatah-Führer und kämpferische Fäuste, die über Stacheldraht hinaus in die Freiheit zeigen.

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Als wir den Honda über den gleichen Schleichweg zurückführen, steht wieder der gewaltige Schlüssel am Straßenrand und weist uns den Weg. Jeder Palästinenser hat noch seinen Schlüssel für das Haus, aus dem er einst vertrieben wurde. Wir starren die Schlüsselfigur an als wir an ihr vorbeifahren und erkennen einen Satz, der darauf in extra international verständlichem Englisch steht: „We will return“. Und es ist keine Abschiedsformel.

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2 Kommentare zu “Die Schlüsselfrage

  1. gu sagt:

    Wie begeht man dort bei Euch eigentlich den Himmelfahrtstag?
    Oder ev. gar nicht?
    Grüße an Alma gu.

  2. […] https://ostprobe.wordpress.com/2012/05/16/die-schlusselfrage/ This entry was posted in Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Krieg, Politik. Bookmark the permalink. ← Und sie bewegt sich doch […]

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