Einfach mal Strand

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21. Mai 2012 von ostprobe

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Es ist ein Meer
Wild und unablässlich zittert der Wind
An den Sonnenschirmen der Strandcafés.

Hier will ich mich niederlassen. Neben den Müttern, die ihren schreienden Kindern schreiend Wassereis austeilen. Und den Paaren, die sich cappuccinobraun der Sonne und den Blicken der anderen hingeben. Und den Touristen, die lesen. Und den jungen Mädchen, die sich in Bikinis und Katalogpose begeben um die Zugriffe auf ihrem Facebookprofil anzukurbeln.

Popeliger Drink

„Für einen Eiskaffee können Sie hier nicht sitzenbleiben“, sagt der Kellner in Shorts und mit Handfeger am Gürtel. Es sei zu wenig, um einen der wertvollen Plastikstühle unter den Weihenstephan-Schirmen zu blockieren. In Tel Aviv scheint jeder kleinste Fleck unglaublich kostbar – um in Clubs zu kommen, sollte man auf einer Liste stehen, um eine Wohnung zu beziehen, sollte man einen Makler kennen und für einen Parkplatz vor der Haustür muss man einen Garten (der von den Bauhaus-Architekten einst so sozial und gut gedacht war) platt machen.

Ich trabe den Strand entlang mit meinen Eiskaffee to go. Dort, wo die Wellen den feinen Sand zu Schlamm machen. Leider ist das auch der beste Platz für das beliebte Strandspiel „Ball-gegen-Holzkelle-Kloppen“. Fast nahtlos steht ein Spielerpaar hinter dem anderen. Ich versuche die Hohlheit des Geräuschs nicht auf die Spieler zu übertragen, was mir bei fortschreitendem Beschuss immer weniger gelingt. Vielleicht bin ich noch nicht lange genug da. Mehrere nach Israel ausgewanderte Freunde, die einst in Deutschland noch die übliche körperbezogene Alles-kann-nichts-Muss-Haltung teilten, sind hier dem hiesigen Schönheitswahn verfallen. Auf der Strandpromenade wird zu allen Uhrzeiten und in fast allen Freizügigkeitsstufen gejoggt. Es gibt überall Freiluft-Fitnessgeräte, die von Ferne wie lieblose orangefarbene Spielplätze aussehen. Und auf dem Hayakon wir auch zur Mittagszeit sportgerudert.

Konvertitten

Ich begebe mich wieder in die Fußwärme des weichen Sandes und navigiere durch Decken und Handtücher, deren Besetzung so hemmungslos gafft, abcheckt, schnalzt, sonnenbrillenzurechtrückt, mustert. Wer etwas zu zeigen hat, solle das doch auch bitte tun. Alles andere wäre Sünde. Um es mit Woody Allan zu sagen: Man ist hier im Hebräischen geboren und dann zum Narzissmus konvertiert.

Ich lasse mich auf den Steinen einer Mole nieder und suche einen Ausschnitt, der mich mit dem Meer allein lässt. Mein Blick bleibt an einer Stelle hängen, an der Felsen aus dem Wasser ragen. Vor ein paar Tagen war ich dorthin geschwommen und hatte einen wunderlichen Kauz mit blondierten Rastas und Taucherschwimmanzug gesehen, der sich später die Zähne unter einer öffentlichen Dusche geputzt hatte. Ihm gehörte auch der quietschbunt angemalte Van mit der Aufschrift „Homeless VIP“. Ich imaginierte, wie er dort wohl auf den ruhigen Felsen im vor sich hin schwappenden Meer wohnte. Er kam mir jetzt gar nicht mehr so seltsam vor.

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