Der große Swindel

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29. Mai 2012 von ostprobe


Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich es mit einem Phantom zu tun habe. Einem urbanen Mythos, der nur auf Partybildern auf Facebook existiert und einen automatischen WhatsApp-Beantwortungsdienst in Indien beschäftigt. Seit Wochen versuche ich einen Freund einer Freundin zu treffen: Aron Swindel. Und da hätte ich schon stutzig werden sollen.
„Hey, wenn du in Tel Aviv bist, sag Bescheid und wir können uns treffen“, schrieb er mir als ich noch im deutschen Spargel-Frühling saß. „Was hast du hier eigentlich vor?“ Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich einfach mal den Wohnort wechseln und dort jeden Tag wie einen Samstag verbringen wolle. Also abwechselnd in Cafés, Restaurants, Bars rumhängen, in Museen und Galerien gehen, Freunde treffen und mit der Stadt verschmelzen. Also eigentlich: Leben wie in Berlin plus Strand.
Aron Swindel sollte mich – so der Plan – in die Feiergemeinde der Stadt einführen, die Gästelistenplätze klar machen, mich auf die Rooftop-Partys der Stadt lotsen. Und das hat er dann auch – aber anders, als erwartet.

Swindel, der Erste
Wir verabredeten uns zu einer der legendären TLV-Dachterrassenpartys. „Pump it up“ war das Motto und neben alkoholischen Shots sollte auch heftig mit Wasserspritzpistolen geschossen werden. Ich stöckelte so partykatzenmäßig wie möglich durch den warmen israelischen Frühlingstag. In den Bars und Bistros der Bograshov saßen schöne Menschen vor Salaten, Hummus oder Pasta. Es war längst dunkel und mein Herz beschleunigte den Puls als ob es den Beat der Stadt aufzunehmen versucht. Als ich das verabredete Haus erreichte, hörte ich: nichts. Ich umrundete es und suche nach einem Eingang, stakste durch muffelige Hinterhöfe und fand schließlich ein hebräisches Schild, dass ich als Partyhinweis deutete. Ein stockdunkler Flur breitete sich vor mich aus, den ich vorsichtig bis zur obersten Stufe hochstieg. Eine schwere Metalltür war am Ende, fest verschlossen. Ich klingelte, Stimmen tuschelten, fragten wer da sei. Ich stellte mich vor und erwähnte auch den Namen meines Partypaten. Die Tür öffnete sich und ein müde dreinblickendes Paar schüttelte bedauernd den Kopf: „Die Party ist weitergezogen.“ Und mit ihr Aron Swindel.

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Swindel, der Zweite

Ich schrieb ihm eine Nachricht, wollte aber nicht uncool vorwurfsvoll klingen und betonte, dass ich nette Gesellschaft in einer Rock’n Roll-Bar gefunden hatte. Er nannte mich eine Tel Aviv noir heroine und lud mich zu einem Barbeque mit Freunden ein – am Strand, im Park, nachmittags um drei. Ich ging davon aus, dass das eine isrealische Zeitangabe sei und schlug innerlich eine halbe Stunde drauf. Mit gepackter Strandtasche, in der eine Picknickdecke, Sekt, Obst und ein Fotoapparat lagen, wollte ich gerade los als eine Nachricht auf meinem Handy aufblitzte. Das BBQ sei irgendwie nicht sein Ding. Er wolle weiter. Wohin, dass sei schwer zu sagen, weil eine ganze Horde von Freunden darüber disputiert. Ich wartete eine dreiviertel Stunde, wohin es die Gruppe verschlagen würde bis die Strandtasche auf meinen Schultern Striemen machte und die Sonne in meinem Kopf schwummerte. Mir war swindelig.

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Swindel, der Dritte
Vielleicht müssen Blind Dates einfach besser vorbereitet sein. Er schlug einen Club vor, der neu eröffnet würde und er mich auf die Gästeliste setzen könne. Ich nannte die Erkennungszeichen: Er Hut, ich Blume im Haar. Treffpunkt nach 23 Uhr im „Doer“. Als ich mit einer Freundin vor dem Club ankam, schrie bereits eine ganze Anstehschlange auf eine Blondine hinter einem Eisentor ein, die daraufhin wild auf einem TouchPad herumwischte und dann wahllos Partyanwärter hereinließ. Ich schrie: „Guestlist of Aron Swindel“ und irgendwann waren wir tatsächlich drin. Es war düster und so voll, dass man immer im zähen Strom der Menschen mittrippeln musste. Ab und zu zuckte das Stroboskop durch die Dunkelheit und erlaubte einen Blick in die Gesichter. Ich sah Strohhüte, Kappen, Basecaps, vereinzelt Stoffhüte. Das würde nicht einfach werden. Stundenlang streifte ich durch die Floors, schlug mir Schneisen durch das wippende Gewimmel, drehte mich auf Vorsprüngen suchend um. Ich fragte jeden Hutträger und jeden jungen Mann, der in etwa zum Profilfoto passte, ob er Aron sei, was mir abwechselnd einen Drink und einen mitleidigen Blick eintrug. Irgendwann flossen alle Gesichter und Hüte und Dreitagebärte ineinander. Plötzlich war alles und jeder Aron Swindel. Jeder grimmige Türsteher, jeder flirtende Barmann, jeder lallende Typ und jeder ekstatische Tänzer.
Als ich wieder auf die Straße trat und es langsam dämmerte, begriff ich, dass ich einem Schwindel aufgesessen war: Meinen eigenen Erwartunge. Das hier ist nicht Berlin plus Strand. Das hier ist Tel Aviv.

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